Auf Spurensuche

Was passiert, wenn verletzte Tiere nach einem Wildunfall flüchten? Mit einer Berufsjägerin auf Nachsuche im Wald.

13. Januar 2023
4 Minuten

Es braucht ein wenig Fingerspitzengefühl, bis der GPS-Sender am Hals von Vierbeiner Mina sitzt. Aufgeweckt springt die Hannoversche Schweißhündin vor den Füßen von Tatjana Puchmüller umher. Das Duo ist beauftragt worden, die Wege nach einem angefahrenen Wildschwein zu durchkämmen.

Sichtbar im Dickicht

Eine grellorange leuchtende Schlagschutzweste trägt die Hündin bereits.

Auch Tatjana Puchmüller hat sich ihre komplette Schutzmontur angezogen. Ein paar letzte Handgriffe, dann fahren sie in den Sanitzer Wald nahe Rostock.

Wenige Minuten später beginnt die Nachsuche der Berufsjägerin entlang einer Landstraße. Die Polizei hat die Unfallstelle mit einem Absperrband markiert. Von ihr weiß Tatjana Puchmüller auch, dass das Tier weiter in Richtung des Waldes geflüchtet ist.

Angespannt hält die 44-Jährige nach Hinweisen Ausschau. Es dauert nicht lang, bis sie ein kleines rot-weißes Plastikstück entdeckt. Mina wittert eine Fährte und rennt zielgerichtet durch die Büsche in der Böschung. Die Leine der Hündin gleitet durch die gummibehaftete Oberfläche von Tatjana Puchmüllers Handschuhen.

Die Berufsjägerin kämpft sich durch das stachelige Gebüsch des Abhangs und folgt ihr. Nach ungefähr 100 Metern bleibt die Hündin aufgeregt stehen. Das braun gefärbte Herbstlaub raschelt unter ihr. Tatjana Puchmüller bückt sich hinunter, das gesuchte Wildschwein wurde schwer verletzt und ist tot.

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Die Hannoversche Schweißhündin Mina findet das tote Tier auf dem Waldboden.
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Leuchtende Schutzkleidung ist Pflicht im Wald: „Man muss sich gegenseitig sehen, sonst ist es lebensgefährlich.“
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Um Hündin Mina bei der Nachsuche nicht zu verlieren, legt Berufsjägerin Tatjana Puchmüller ihr ein Halsband mit GPS-Sender um.
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Spurensuche: Nach einigen hundert Metern findet Tatjana Puchmüller einen Hinweis zum gesuchten Wildschwein.
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Die Hannoversche Schweißhündin Mina findet das tote Tier auf dem Waldboden.
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Leuchtende Schutzkleidung ist Pflicht im Wald: „Man muss sich gegenseitig sehen, sonst ist es lebensgefährlich.“

Beherzt packt sie das Tier an den Hinterbeinen und läuft in Richtung ihres Wagens, ein paar Meter neben ihr ziehen Lkws, Pkws und Motorräder vorbei. Den viel befahrenen Weg kennt Tatjana Puchmüller sehr gut. Allein im vergangenen Jahr hat sie zehn verletzte Rehe von der Landstraße geholt. „Die gerade Strecke verlockt viele zum schnellen Fahren“, erklärt sie. Besonders in der Dämmerung werden dabei Hirsch, Wildschwein, Hase und Co. von zu schnellen Fahrzeugen erfasst – meist tödlich. Dann kommt die Berufsjägerin zum Einsatz. Sie sucht nach verletzten, geflüchteten Tieren oder kümmert sich um bereits verstorbenes Wild.

Mit ihrem ausgeprägten Geruchssinn sind Schweißhunde darauf spezialisiert, verletztes Wild zu suchen.

Dass das Wild vermehrt in der Dämmerung aktiv ist, liegt an der Zeitverschiebung im Herbst. „Die Tiere haben sich an den Rhythmus der Straße gewöhnt. Nun sind die Autos eine Stunde früher oder später unterwegs. Dadurch ist das Wild verwirrt.“ Aber auch die Paarungszeit und Kämpfe tierischer Rivalen sorgen für vermehrte Konfrontation mit Verkehrsteilnehmenden. Das ist vor allem für Jungtiere sehr gefährlich: „Bei der Jagd bestimme ich sehr selektiv, welches Tier ich erlege. Auf der Straße entscheidet die Geschwindigkeit. Wird zum Beispiel ein Muttertier angefahren, kann es seinen Nachwuchs nicht mehr versorgen.“

Das gilt möglicherweise auch für das tote Wildschwein, welches Tatjana Puchmüller nun zum Abdecker bringt. Sind die Verletzungen der verstorbenen Tiere nicht allzu offen, dient das Wild auch oft als Lehrobjekt für Jagdscheinanwärterinnen und -anwärter in der Jagdschule, die sie gemeinsam mit ihrem Mann leitet.

Bereits mit 16 Jahren hat Tatjana Puchmüller ihren Jagdschein abgelegt.

Doch nicht immer geht die Suche nach einem geflüchteten Tier harmlos aus. Die Sanitzerin schaut zu ihrer Hündin und erinnert sich. Vor ein paar Jahren ging Mina den Spuren eines verletzten Wildschweins nach. Der GPS-Sender am Halsband zeigte Tatjana Puchmüller die Richtung, sie war nur ein paar Schritte hinter ihr. Als das aufgeregte Wildschwein die beiden entdeckte, griff es die Jägerin an. Plötzlich lag sie unter dem circa 80 Kilogramm schweren Wild. Die Schlagschutzhose ihrer Ausrüstung und Hündin Mina haben sie gerettet. Sie unterstreicht daher: „Es ist lebenswichtig, nach einem Wildunfall Abstand zu einem möglicherweise verletzten Tier zu halten.“

Laut Deutschem Jagdverband gab es in Deutschland in den Jahren 2020/21 hochgerechnet über 226 000 Wildunfälle, bei denen Wild überwiegend durch den Straßenverkehr zu Tode kam.

Um die Tiere und sich selbst zu schützen, kommt es auf eine vorsichtige Fahrweise mit reduzierter Geschwindigkeit an – vor allem entlang ländlicher und waldnaher Gebiete. Tatjana Puchmüller empfiehlt daher eine freiwillige Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h. Was außerdem zählt? „Wichtig ist, dass die Verkehrsteilnehmenden ihre Augen nicht nur auf der Straße haben, sondern auch die Böschung links und rechts im Blick behalten.“ Denn besonders süße Früchte wie Brombeeren oder Streusalz locken das Wild im Winter auf Nahrungssuche an die Fahrbahn. Um das zu vermeiden, sorgen die Straßenmeistereien für gepflegte Gräben ohne Bewuchs.

Trotzdem überquert das Wild überwiegend in den Morgenstunden die Wege und ist dabei unberechenbar. „Wenn Rehe vom Licht der Fahrzeuge geblendet werden, bleiben sie stehen. Rotwild, also Hirsche, versuchen, über das Auto rüber zuspringen. Wildschweine flüchten zwar direkt, sind aber Rudeltiere“, erklärt die erfahrene Expertin. Das bedeutet, da, wo ein Muttertier läuft, folgen meist noch Frischlinge. „Kommt man diesen zu nahe, werden die Tiere schnell aggressiv.“

„Wo ein Tier ist, folgen meist weitere Nachzügler.“

24/7 erreichbar

Vorwiegend von Juli bis Dezember klingelt Tatjana Puchmüllers Telefon wegen vermehrter Wildunfälle. Dabei ist sie rund um die Uhr einsatzbereit. Mal meldet sich die Polizei direkt bei ihr, in manchen Fällen wird sie vom Revierinhaber über die Notfälle informiert. „Nach einem Zusammenstoß mit einem Tier zählt für Verkehrsteilnehmende zuerst die Eigensicherung. Danach sollte man direkt die Polizei verständigen.“ Wurde ein Tier angefahren, begibt sich Tatjana Puchmüller mit ihrer Hannoverschen Schweißhündin auf Nachsuche nach dem geflüchteten Tier oder kümmert sich um das verletzte Wild.

Wie verhalte ich mich nach einem Wildunfall?

  • Unfallstelle absichern: Warnblinkanlage einschalten, Warnweste anziehen, Warndreieck aufstellen und den Unfall der Polizei melden
  • Bei verletzten Insassen über die Nummer 112 Rettungskräfte rufen und Erste Hilfe leisten
  • Zu verletzten Tieren Abstand halten, nicht folgen und nicht berühren, Fluchtrichtung für Unfallmeldung merken
  • Fahrbahn frei machen: Handschuhe aus dem Verbandkasten anziehen und totes Wild an den Straßenrand ziehen, wenn der Verkehr es zulässt
  • Das Wild auf keinen Fall mitnehmen, da Wilderei strafbar ist
  • Unfall der Polizei melden und ggf. Fluchtrichtung mitteilen
  • Von der Polizei eine Wildunfallbescheinigung für die Versicherung ausstellen lassen
  • Wildunfall über die kostenlose Tierfund-Kataster-App (kurz: TFK-App) melden, um mitzuhelfen, Unfallschwerpunkte zu identifizieren und zu entschärfen

Population kontrollieren

Wenn sie nicht auf Nachsuche ist, hat sie ihr Revier aus dem Hochsitz bestens im Blick. Gemeinsam mit ihrer zweiten Hündin Silva beobachtet sie das Wild ihres 300 Hektar großen Territoriums. Wächst die Population zu stark an oder ist ein Wildtier auffällig krank, wird es von seinen Leiden erlöst. „Das ist meine Aufgabe“, erklärt sie nachdenklich. Verantwortungsvoll über Leben und Tod entscheiden, im Einklang mit der Natur – das habe sie schon immer fasziniert. Ein Bewusstsein für Tiere und Umwelt wünscht sie sich auch von den Verkehrsteilnehmenden – vor allem zum Schutz der Wildbestände.

Bilder: Lukas Wahl

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