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Runter vom Gas
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Die Ausnahme-Insel

Keine Ampeln, keine Staus, kein Hupen. Auf Helgoland ist nicht nur Autofahren verboten, selbst Radfahren ist untersagt. Ein Besuch.

 

Es gibt einen Ort, wo keine Autos fahren. Wo nicht einmal ein Fahrrad den Weg kreuzt. Dort, wo die Menschen kurze Namen tragen; Ole, Lars und Heiko heißen. Dort, wo einem immer etwas streng der Geruch von Fisch und Salzwasser in die Nase steigt. Wo selbst Polizisten Streife laufen – und nicht fahren. Ja dort, wo eigentlich jeder zu Fuß geht. Fast jeder. Nur nicht Bert. Bert fährt.

Bert fährt Börte. Und Börte, so heißt seine elektrisch betriebene Inselbahn, ist gewissermaßen das einzige öffentliche Verkehrsmittel weit und breit. Denn dort, wo Bert fährt, auf Helgoland, ist jeder Straßenverkehr untersagt. Die deutsche Straßenverkehrsordnung hat dafür den Sonderparagraphen 50 vorgesehen. In dem steht: „Auf der Insel Helgoland sind der Verkehr mit Kraftfahrzeugen und das Radfahren verboten.“

Bert, 53, meerblaue Augen, leicht gebräunte Haut, hat eine Ausnahmeregel. Deshalb bringt er fünfmal am Tag Börte in Bewegung. „Öfter geht nicht, danach ist der Akku leer“, sagt Bert. Sein Fahrzeug mit den zwei Anhängern in weiß, grün und rot – den Farben Helgolands – ist eine Bahn wie man sie aus Freizeitparks oder vom Rummelplatz kennt. Auf dem Rummelplatz Helgoland darf Bert maximal 10 km/h fahren. Im Ort selber nur 6 km/h. „Ich könnte auch gar nicht schneller“, gibt Bert zu bedenken. „Bei den ganzen Fußgängern, da muss man aufpassen wie ein Schießhund!“ Selbst bei Schrittgeschwindigkeit laufen ihm noch Touristen vor die Bahn. „Weil die dauernd nur auf ihr Handy gucken!“, schimpft er leise.

Fährt die Inselbahn Börte von April bis Oktober: Bert.

Eine Insel mit Geschichte

Helgoland, Deutschlands einzige Hochseeinsel, liegt rund 70 Kilometer entfernt vom Festland in der Nordsee und trägt den Titel Seeheilbad. Kaum ein Geschäft auf der Insel, das nicht gerne darauf hinweist; kaum ein Bewohner, den man spricht, der nicht die ausgewiesene Meeresluft und Ruhe lobt.

Beinahe hätte es Helgoland gar nicht mehr gegeben. War die Insel während des zweiten Weltkriegs ein militärisch bedeutsamer Stützpunkt, sollte sie 1947 nach Willen der Besatzungsmacht Großbritannien völlig zerstört werden. Die Einwohner wurden evakuiert; die zu dieser Zeit größte nicht nukleare Sprengung durchgeführt - knapp 7.000 Tonnen Sprengstoff gingen in die Luft. Doch die roten Steinfelsen hielten stand – seitdem zieren handballfeldgroße Einschlagskrater die Insel und alle paar Monate findet jemand einen Blindgänger. 

Stehen wir mit dem Verkehrsmesser auf der Straße, weiß das nach zehn Minuten der ganze Ort.

Bis 1952 blieb Helgoland militärisches Sperrgebiet und nahezu unbewohnt. Erst dann zogen die Inselbewohner wieder auf die Insel. Aufgebaut wurde nach der damaligen Architekturmode: schnell, eng, Steildächer, viel Beton und Klinker. So gleicht Helgoland in seinen Gassen vielen westdeutschen Kleinstädten. Nur liegt sie am Meer. Platz für Verkehr wollte man nicht lassen. Wer dennoch fahren möchte, braucht einen guten Grund. Und eine Ausnahmegenehmigung. Selbst Fahrräder müssen ein Kennzeichen tragen, auf der die Fahrerlaubnis sichtbar ist.

Und der, der dafür sorgt, dass sich daran auch jeder hält, sitzt in der Hafenstraße 1078 auf einem unbequemen alten Holzstuhl und trinkt eine große Tasse frischen Filterkaffee. Lars Carstens ist Polizeioberkommissar von Helgoland und fängt an zu grinsen, wenn man ihn fragt, ob es auf der Insel häufig Verkehrsdelikte gibt. „Wir führen regelmäßig Kontrollen durch. Aber das ist selten erfolgreich. Stehen wir mit der Blitzpistole auf der Straße, weiß das nach zehn Minuten der ganze Ort.“ 

Hat erst einen einzigen Verkehrsunfall auf der Insel erlebt: Lars Carstens, Polizeioberkommissar.

Die fast weiße Weste

Einen einzigen Verkehrstoten verzeichnet die Statistik auf Helgoland. 1982 spielte ein Kleinkind hinter einem zurücksetzenden Flurfahrzeug und kam tragischerweise zu Tode. Ansonsten ist Helgoland nahezu unfallfrei. Im Jahr 2016 notierte Kommissar Carstens auf Helgoland keinen einzigen Verkehrsunfall. Zum Vergleich: Im zugehörigen Bundesland Schleswig-Holstein gab es 2016 rund 85.000 Unfälle. Auf den Straßen Schleswig-Holsteins wurden im vergangenen Jahr rund 16.500 Menschen verletzt;  davon kamen 114 Personen ums Leben. Diese Gefahr existiert auf Helgoland eigentlich nicht. 

„Die Sozialkontrolle auf der Insel ist sehr ausgeprägt“, sagt Carstens, Anfang 50 und seit mehr als 15 Jahren auf der Insel. Man reglementiert sich gegenseitig. Oftmals reiche da eine Ermahnung. Besonders, wenn jemand mal ohne Genehmigung auf dem Rad erwischt wird. Meistens Touristen, die mit Yacht und Klapprad anlegen. „Die schauen dann ganz verdutzt, wenn ich ihnen erkläre, dass sie bitte absteigen sollen“,  berichtet Carstens.

Die Polizei Helgoland besitzt zwei Dienstfahrräder und einen elektrischen Einsatzwagen. Den nutzt Carstens oft nur für Festnahmen. „Wir können ja mit niemandem an Handschellen über die Insel gehen, oder jemanden mit dem Rad abführen. Wie sieht das denn aus?“. Carstens geht viel zu Fuß, auch während dem Streifendienst. „Der Zeitfaktor“, sagt er bedeutungsvoll, „spielt doch eine viel zu große Rolle im Leben.“

„Ich habe auch schon mal jemandem den Schlüssel weggenommen, weil der zu schnell gefahren ist.“ Jörg Singer, Bürgermeister von Helgoland.

Zu Fuß kann man sich besser unterhalten

Auf Helgoland geht alles etwas langsamer. Für die Strecke vom Fährhafen an der Südspitze der Insel bis zur Jugendherberge hinter dem Sportplatz braucht man zu Fuß etwa 30 Minuten. Würde ein Fahrrad die Wegzeiten nicht deutlich verkürzen? „Wir wollen nicht, dass hier ein Verkehrs-Gefühl aufkommt“, sagt Jörg Singer und rückt seine blaue Brille auf der Nase zurecht. Singer ist seit 2011 Bürgermeister von Helgoland. Wenn er Radverkehr erlauben würde, müsste er Verkehrsschilder aufstellen lassen. Das hält Singer für ausgeschlossen, allein schon aus ästhetischen Gründen: „Wir möchten die klare Architektur aus den 50ern hier behalten.“

Auf Helgoland werde sich meistens geduzt und beim Vornamen genannt, sagt Jörg Singer. Jeder, der ihm begegnet, ruft ihn nur „Der Bürgermeister“. Der Bürgermeister, 51, schwarzes Sakko mit rotem Einstecktuch, sieht sich als jemand, der das Moderne mit dem Traditionellen verbindet. Singer sitzt auf einem der kleinen Holzeichenboote, die seit jeher dazu genutzt werden, Besucher von den ankernden Schiffen auf die Insel zu bringen - ausbooten nennt man das. Er verteidigt die örtlichen Sitten: „Es gehört zu Helgoland, dass man sich unterhält. Und das kann man natürlich besser, wenn man zu Fuß unterwegs ist.“  

Eine Insel kommt in Tritt

Das Radverbot sei kein Politikum auf der Insel. „Wir auf Helgoland laufen deutlich mehr als die Festländer – deshalb werden wir auch viel älter“, behauptet Singer stolz. Aber auch die Liebe zum Fußweg hat seine Grenzen. Auf Helgoland hat man sich deshalb einen Ersatz für das verbotene Fahrrad gesucht: den Tretroller. Solche Tretroller, die eigentlich aussehen wie Fahrräder, nur an der Stelle des Tretlagers ein abgeflachtes Trittbrett haben. Dadurch ist der Helgoländer Tretroller offiziell ein Sportgerät und kein Fortbewegungsmittel. Er steht beinahe in jedem Hauseingang.

„Die Tretrollerfahrer grinsen immer, weil ihnen das nicht mal der Bürgermeister verbieten kann“, sagt Singer. Nur Kinder bis 14 Jahren dürfen auf ein Fahrrad zurückgreifen. Von Oktober bis April. Für die Verkehrserziehung hat die Gemeinde eigens einen Verkehrsplatz mit Schildern auf dem Schulhof installiert. Spätestens um den Führerschein zu machen, müssen sie dann aber aufs Festland. Eine Fahrschule gibt es auf Helgoland nicht.

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Helgoland hat die Nordsee. Helgoland hat das Meer.

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Der Wagen der Post

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Abschalten im Strandkorb

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Der Shuttle-Service

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Eines der wenigen Taxis

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Ein Inselbewohner

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Eine der Ausnahmegenehmigungen

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Stillleben mit Leuchtturm

Wenn ich sehe wie aggressiv auf dem Festland gefahren wird, da bin ich froh hier zu sein.

Wenn sich jemand mit Verkehr auf Helgoland auskennt, dann Heiko Ederleh. Heiko, Anfang 50, ist Wehrführer der Feuerwehr, Logistiker, hat den örtlichen Minigolf-Platz saniert und: leitet das einzige Taxiunternehmen der Insel. Ja, auf Helgoland gibt es Taxis. „Sollen denn die älteren Besucher der Insel alles zu Fuß gehen?“, fragt Heiko und weiß die Antwort. Besonders wenn die Fähren zweimal täglich die Touristen – größtenteils Senioren – auf die Insel bringen, verkauft sich seine Dienstleistung wie Eis im Freibad. Dann können allerdings schon mal Wartezeiten von 20 Minuten entstehen. Von den Taxis hat Heiko nämlich nur zwei.

Während der Mittagszeit wird es voll auf Helgoland. Dann kommen in den Sommermonaten zu den knapp 1.500 Einwohnern täglich bis zu 1.000 Besucher - unter ihnen viele Tagesgäste, die sich über zollfreies Einkaufen freuen und die Taschen mit Schokolade und Zigaretten füllen. „Dann ist hier nur noch Stop and Go“, sagt Heiko. Besonders die Fahrzeuge kommen ins rangieren. Helgoland ist in vielerlei Hinsicht eine Ausnahme-Insel. Und Helgoland kennt vor allem viele Ausnahmen. Insgesamt gibt es auf Helgoland etwa 140 gültige Sondergenehmigungen. Für die Müllabfuhr, den Postwagen, die Touristenbahn oder eben Heikos Transportservice.

Heiko trägt eine gelbe Warnweste und einen Anker als Ohrring; seine Brille hängt ihm an Schnüren um den Hals. Er wirkt wie jemand, der jederzeit für alles bereit ist. Das Motto seiner Firma lautet: „Kann ich nicht, gibt es nicht!“. Insgesamt verantwortet Heiko 19 verschiedene Elektroautos, die alle aussehen wie Transportwägen auf dem Rollfeld am Flughafen. Manchmal ärgert Heiko sich über den gestiegenen Gegenverkehr auf seinen Straßen. „Man könnte schon mal über eine Deckelung der Zulassungen diskutieren“, findet er. Insgesamt lebe es sich ohne Fahrzeuge zwar langsamer, aber gelassener. „Wenn ich mir anschaue wie aggressiv auf dem Festland gefahren wird, da bin ich froh hier zu sein.“ Der Mann, der den meisten Verkehr auf der Insel zu verantworten hat, hält ein Loblied auf ein Leben ohne Verkehr. 

Das Motto von Heiko Ederlehs Firma lautet: „Kann ich nicht, gibt es nicht!“

Um 15 Uhr dreht Bert seine letzte Runde. Karierte Schiebermütze, grünes T-Shirt, blaugestreifte Hose – wie ein Tourist der Insel sitzt er hinter dem Lenkrad seiner Bahn. Vierzig Minuten dauert die Fahrt quer über die Insel. Vorbei an den Sehenswürdigkeiten Helgolands: von den Hummerbuden genannten bunten Häusern am Hafen, in denen heute weniger Hummerfischer als Souvenirhändler zuhause sind, bis hin zum Aussichtspunkt, der „Langen Anna“ – dem braunen Felsvorsprung im Meer, auf dem kreischend die Seevögel brüten.

Zehn Minuten Aufenthalt für Fotos. Die Fahrgäste  steigen staunend aus. Bert lehnt sich an seine Bahn und dreht eine Zigarette. Er sagt: „Geschwindigkeit ist relativ.“ Für die meisten Leute sei Hektik ein Alltagsbegleiter. „Man muss lernen, runter zu kommen.“ Und wenn auch nur ganz langsam.

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