Die Unfalldetektive

Spurensuche im Straßenverkehr: Unfallanalytiker Peter Rücker gibt im Interview Einblicke in seine Arbeit.

21. September 2022
4 Minuten

Peter Rücker ist Leiter der Fachabteilungen Unfallanalytik und Unfallforschung bei der DEKRA Automobil GmbH. Die rund 400 DEKRA Sachverständigen für unfallanalytische Gutachten rekonstruieren Verkehrsunfälle bis ins kleinste Detail. Pro Zusammenstoß sammeln sie Hunderte Daten, die Polizei, Gericht und Staatsanwaltschaft dabei helfen, das Geschehene aufzuklären. Im Gespräch erzählt er, welche Spuren bei der Analyse zählen und wie die Arbeit der Unfallanalytiker die Verkehrssicherheit verbessert.

Herr Rücker, warum ist die Analyse eines Unfalls wichtig?

Mit unseren Untersuchungen finden wir heraus, was bei einem Verkehrsunfall genau passiert ist und wie es dazu gekommen ist. Das ist vor allem dann wichtig, wenn der Hergang oder die Schuldfrage unklar sind. Wir sind unabhängig, neutral und schaffen mit unserem Gutachten die Grundlage für ein faires sowie faktenbasiertes Urteil.

Sie arbeiten meistens mit Polizei und Justiz zusammen. Wann genau werden Ihre Spezialisten beauftragt?

Wir werden in der Regel dann beauftragt, wenn hoher Sach- und insbesondere Personenschaden entstanden ist. Unsere Auftraggeber sind vor allem Gerichte, Staatsanwaltschaften oder die Polizei – von ihnen kommen 85 Prozent der Aufträge. Die Polizei ist nach einem Unfall meistens als Erstes vor Ort, um die Unfallstelle zu sichern. Dann kommen wir ins Spiel: Wir nehmen den Unfallort genau unter die Lupe und sichern weitere Indizien am Fahrzeug oder auf der Fahrbahn. Besonders wichtig ist es, flüchtige Spuren sofort zu erfassen – dazu gehören Flüssigkeitsreste, Glasscherben, Lacksplitter und Reifenspuren. Anschießend fügen wir die vielen Puzzleteile zusammen und erstellen ein Gutachten.

Welche Arten von Unfällen analysieren Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen, bezogen auf die verschiedenen Verkehrsteilnehmenden?

Wir analysieren Unfälle aller am Straßenverkehr Beteiligten: Das können zum Beispiel Kollisionen mit Rollerfahrenden, Fußgängerinnen und Fußgängern, Fahrrad- oder LKW-Fahrenden sein. Auch Menschen auf Pferden sind manchmal im Spiel. In vielen Fällen liegt die Ursache für einen Unfall nicht im Fahrzeug oder in der Technik, sondern bei der oder dem Fahrenden.

Das klingt sehr vielfältig. Wie analysiert man einen Verkehrsunfall? Welche technischen Hilfsmittel unterstützen dabei?

Unser Vorgehen bei der Rekonstruktion ist ähnlich vielfältig wie das Unfallgeschehen selbst. Um den Hergang nachzubilden, müssen wir die verschiedenen Bausteine zusammensetzen. Dafür machen wir Fotos, vermessen die Unfallstelle, sehen uns die Beschädigungen an den beteiligten Fahrzeugen an und überlegen schon vor Ort, wie das Geschehen gewesen sein könnte. Später versuchen wir, den Unfall am Computer nachzustellen. Dabei überprüfen wir, ob die Spuren auch wirklich zueinander passen. Bei Fußgängerunfällen kommt eine zusätzliche Komponente in der Analyse hinzu: der Mensch. Welche Verletzungen liegen vor? Wie passen diese mit den anderen Indizien, etwa den Beschädigungen am Fahrzeug, zusammen? Als Hilfsmittel für die Untersuchung des Unfallorts benutzen wir neben klassischen Werkzeugen wie Maßbändern und Fotoapparaten auch moderne Technik wie 3D-Fotogrammetrie und Drohnen. Mit ihnen können wir die Unfallstelle originalgetreu abbilden und virtuell aus jeder denkbaren Perspektive betrachten.

Was sind die wichtigsten Indizien für mögliche Unfallursachen?

Wichtige Indizien für die Ursachen sind zum Beispiel Reifen- oder Schlagspuren auf der Fahrbahn, aber natürlich auch die Verformungen an den Fahrzeugen. Sie geben Aufschluss über die eingeleitete Energie und damit über die Anprallgeschwindigkeit. Auch Kleinigkeiten wie Kratzer im Lack oder Abrieb an den Reifen können Hinweise geben. Manchmal hat die Polizei die Fahrzeuge schon abschleppen lassen, bevor wir an der Unfallstelle angekommen sind. Dann müssen sich unsere Analytikerinnen und Analytiker anhand von Fotos ein Bild machen und sich die Unfallstelle später anschauen. Das ist nicht ideal, denn die Polizei geht anders an eine Unfallstelle heran als wir. So kann es zum Beispiel sein, dass sie nicht all die Stellen abfotografieren lässt, die uns interessieren würden.

Wie gehen Sie danach weiter vor? Wie werten Sie vor allem digitale Spuren aus?

Moderne Fahrzeuge verfügen mittlerweile über eine Vielzahl von elektronischen Steuergeräten und Datenspeichern, die Messdaten, Telemetriedaten, Videos und so weiter aufzeichnen. Der Ereignisdatenspeicher oder EDR (Event Data Recorder) ist für neue Fahrzeugmodelle inzwischen vorgeschrieben. Das ist ein Gerät, bei dem die Aufzeichnung durch einen Unfall automatisch gestartet wird. Gespeichert werden zum Beispiel die Geschwindigkeit zum Zeitpunkt des Anpralls, die Gaspedalstellung oder der Lenkwinkel. Man kann so im Nachhinein feststellen, ob der Fuß auf dem Gas oder auf der Bremse stand. Immer wieder kommen uns auch Mordfälle unter, bei denen jemand mit einem Auto überfahren wurde. In solchen Fällen müssen wir uns fragen: Hat der Fahrende womöglich noch Gas gegeben, als der zu Fuß Gehende über die Straße ging? Die Gaspedalstellung ist ausschlaggebend für die Beurteilung und lässt sich bei neueren Autos, wie gesagt, nachträglich ermitteln. Anhand digitaler Spuren lassen sich aber nicht nur Unfälle rekonstruieren, sondern zum Beispiel auch Tachomanipulationen ermitteln. Etliche Steuergeräte, wie zum Beispiel das Heckklappensteuergerät, das die Kofferraumklappe elektrisch öffnet und schließt, speichern auch den Kilometerstand ab. Wer den Tacho manipuliert, denkt oft nur an die Zahlen im Display, aber nicht daran, dass Kilometerstände auch an anderen Stellen abgespeichert werden. Die Herausforderung für uns ist, an solche Daten heranzukommen und sie richtig zu interpretieren.

Heute haben viele Autos sehr ausgereifte Assistenzsysteme. Hat das Ihre Arbeit verändert?

Ja, das hat es. Unsere Arbeit ist durch die Assistenzsysteme vielfältiger geworden. Das Antiblockiersystem (ABS) und die Fahrdynamikregelung (ESP) haben das Unfallgeschehen in der jüngeren Vergangenheit schon verändert. Auf unsere Arbeit wirkt sich dabei zum Beispiel aus, dass es praktisch keine Bremsspuren mehr gibt. Und die Entwicklung der Technik setzt sich fort: Heute kommen viele Fahrzeuge mit einer Vielzahl von Fahrerassistenzsystemen auf den Markt, was unsere Arbeit auch stark beeinflusst. Zukünftig wird es beim automatisierten Fahren noch komplizierter. Aber schon bei den Analysen heutzutage sind Einblicke in die Elektronik der Fahrzeuge unerlässlich. Wir brauchen vermehrt Informatik-Kompetenzen, um mit den technischen Neuerungen und den Möglichkeiten, die sie uns in unserer Arbeit bieten, umgehen zu können.

Das hört sich nach einer großen Informationssammlung an. Was passiert mit den gebündelten Daten, wenn ein Fall rechtlich abgeschlossen ist?

Gutachten und Unfalldaten müssen für einen gesetzlich vorgeschriebenen Zeitraum archiviert werden. Wenn ein Fall abgeschlossen und archiviert ist, wird er anonymisiert und dann in unsere Unfalldatenbank eingepflegt. Wir können so das generelle Unfallgeschehen in Deutschland analysieren, um herauszufinden, was genau auf unseren Straßen passiert und wo unter Umständen Handlungsbedarf besteht.

Wie sorgt die Unfallanalytik insgesamt für mehr Verkehrssicherheit?

Wie gerade angesprochen: Nach der Analyse der Daten in unseren Unfalldatenbanken sehen wir Trends, Themen oder auch bestimmte Fahrzeuggruppen, die auffällig sind. Das hilft, um etwa Unfallschwerpunkte zu entschärfen oder Einflüsse bestimmter Fahrzeuggruppen einschätzen zu können. In dem jährlich erscheinenden DEKRA Verkehrssicherheitsreport oder anderen Veröffentlichungen der DEKRA Unfallforschung erfahren Entscheiderinnen und Entscheider von Unfalltrends, denen sie im Gesetzgebungsprozess entgegenwirken wollen.

Bilder: DEKRA/Thomas Küppers, Shutterstock

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