Die fliegende Feuerwehr

In Braunschweig sollen Rettungsdrohnen zu Unfällen ausrücken. Über 5G-Mobilfunk schicken sie Luftbilder der Lage.

07. März 2022
6 Minuten

Unfall mit Gefahrgut – jetzt zählt jede Minute. Die Feuerwehr Braunschweig testet deshalb eine Rettungsdrohne. Einsatzleiter Sebastian Damm kann mit ihren Luftbildern schon während der Anfahrt lebenswichtige Entscheidungen treffen.

In der Fahrzeughalle der Feuerwehr Braunschweig stehen Latzhosenstiefel am Boden. Stiefel und Latzhosen sind so verbunden, dass die Feuerwehrleute nur noch reinsteigen müssen. Hosenträger hoch, Jacke drüber – fertig ist die Einsatzkleidung. Im Notfall zählt eben jede Sekunde. Und künftig könnte die Feuerwehr Braunschweig sogar noch mehr Zeit sparen dank einer Rettungsdrohne und 5G-Mobilfunk.

Die Drohne fliegt voraus

Das spezielle Fluggerät ist eine Braunschweiger Entwicklung, gefördert vom Bundesministerium für Digitales und Verkehr. Forschende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) hatten die Idee: Weil es mit 40 Stundenkilometern in der Luft fast immer schneller geht als auf der Straße, sollen in Braunschweig künftig Drohnen vorausfliegen und die Lage erkunden. Eine Verbindung über das öffentliche 5G-Mobilfunknetz macht es möglich, dass ein Pilot oder eine Pilotin in einem Leitstand die Kontrolle behält – und die Feuerwehrleute bereits im fahrenden Fahrzeug ein gestochen scharfes Live-Luftbild ihres künftigen Einsatzortes sehen.

Livestream vom Unfallort: Sebastian Damm sieht unterwegs schon Luftbilder der Einsatzstelle.

Sebastian Damm zeigt auf einem Tablet, wie er sich das künftig vorstellt. Auf dem Display sieht der Einsatzleiter einen Feldweg von oben, ein Auto steht dort, zwei Personen liegen am Boden. Ein Verkehrsunfall ist passiert, Rettungskräfte sind noch nicht vor Ort. In solchen Situationen rauscht die Feuerwehr häufig mit Blaulicht ins Blaue: Wie viele Personen sind verletzt? Wie schwer? Hat die aufgeregte Anruferin recht, und ist womöglich ein Tanklastzug beteiligt?

Feuerwehr spart wichtige Minuten

Mit diesen Fragen sitzt Damm im dahineilenden Fahrzeug. 10 bis 15 Minuten vergehen manchmal, bis ein Unfallort erreicht ist. Mit den Livebildern der Rettungsdrohne könnte der Einsatzleiter künftig viel früher erste Antworten in den Händen halten – im wahrsten Sinne des Wortes: auf seinem Tablet. Die geschilderte Szene vom Feldweg führt Damm tatsächlich vor, während er auf dem Hof der Feuerwehr-Hauptwache steht. Sie ist als Video gespeichert – allerdings ist es nur eine Übung. 

Wann die Feuerwehr zu Verkehrsunfällen gerufen wird

Neben der Polizei zur Aufnahme und Klärung des Unfallverlaufs und dem Rettungsdienst zur Versorgung verletzter Personen, wird die Feuerwehr vor allem bei schweren Unfällen dazu gerufen. Schwer meint in diesem Fall: Aufgrund hoher Aufprallgeschwindigkeiten sind Fahrzeugkarosserien so stark deformiert, dass die Insassen nicht ohne weiteres aus den Fahrzeugen geborgen werden können. Oder aber es sind brennbare Flüssigkeiten ausgelaufen und haben Fahrzeuge in Brand gesetzt. Dann übernimmt die Feuerwehr die Rettungs- und Löscharbeiten und unterstützt bei der Bergung der Unfallopfer. 

Ebenfalls ein Einsatzgrund: Unfälle mit Gefahrengütern, also beispielsweise leicht entzündbaren, explosiven oder giftigen Stoffen. Die Feuerwehrfrauen und -männer übernehmen in solchen Fällen die sichere Bergung und den Abtransport der Gefahrengüter.

Die Personen am Boden sind Andreas Volkert und sein Bruder. Volkert ist Luft- und Raumfahrtingenieur und Projektleiter für die 5G-Rettungsdrohne am DLR-Institut für Flugführung. Er wäre froh, in einer echten Notlage schneller Hilfe zu bekommen. „Während sich die Feuerwehrleute ihre Einsatzkleidung anziehen, ist die Rettungsdrohne schon in der Luft“, erläutert Volkert. 

Feuerwehrmann Damm ergänzt: „Mit der Drohne gewinnen wir fünf bis zehn Minuten Erkundungszeit.“ Für eine Stadt wie Braunschweig rechnet er mit drei bis sieben Einsätzen pro Tag, bei denen die Drohne eine echte Hilfe wäre. Zum Einsatzgebiet zählt auch die wichtige Ost-West-Autobahn 2. Auf dem Teilstück bei Braunschweig sind täglich mehr als 80.000 Fahrzeuge unterwegs.

Unfall auf dem Feldweg: Der Feuerwehrmann kann per Tablet die Kameras der Drohne bedienen.

Drohne hilft auch wenn’s brennt

Und Sebastian Damm nennt weitere Beispiele, wie die Drohne unterstützen könnte:

  • Sind bei einem Unfall Gefahrstoffe im Spiel, kann das Gerät gleich ganz nah heran fliegen. Die Einsatzkräfte sind indes noch damit beschäftigt, spezielle Schutzanzüge überzuziehen. Ob sie die überhaupt brauchen, verrät ihnen die Kamera der Drohne: „Ich kann selbst über das Tablet die Kamera bedienen und heranzoomen. Ist die Internetverbindung stabil, ist das Bild so scharf, dass ich eine Gefahrgut-Tafel an einem Lkw erkennen könnte“, beschreibt Damm. 
  • Auch bei einem Gebäudebrand kann die Rettungsdrohne dem Einsatzleiter helfen. Mit dem Live-Luftbild könnte er, selbst im Stau stehend, schon Entscheidungen treffen. „Wenn wir bei einem brennenden Haus ankommen, gehen wir zunächst um das Gebäude herum“, erzählt Damm. „Künftig könnte ich schon unterwegs auf den Bildern sehen, aus welchem Fenster der Rauch kommt. Dann schicke ich die Kollegen gleich an die richtige Position.“
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Im Leitstand: Von hier aus steuern Piloten die Drohne fern.
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Andreas Volkert bei einem Testflug. Künftige Modelle sollen automatisiert starten.
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Die Rettungsdrohne hat 5G-Mobilfunk an Bord und zwei Kameras.
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Im Leitstand: Von hier aus steuern Piloten die Drohne fern.
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Andreas Volkert bei einem Testflug. Künftige Modelle sollen automatisiert starten.

Die Drohne fliegt nicht autonom – und darf es nach der heutigen Rechtslage auch nicht. Müssen die Braunschweiger Feuerwehrleute also nun Drohnenpiloten werden? Nein. Denn die Steuerung der Rettungsdrohne übernimmt ein Leitstand. Er steht momentan in einem Gebäude des DLR.

Profi-Piloten steuern Drohnen

Andreas Volkert zeigt auf einem extrabreiten Monitor, wie das funktioniert: Die Leitstelle schickt dem Piloten den Einsatzort, der mit ein paar Mausklicks die Route plant. Ein weiterer Klick und die Drohne startet binnen Sekunden und ohne menschliche Hilfe von einer Basis auf einem Gebäudedach. Anschließend folgt sie der vorgeplanten Route. Im System sind viele Daten hinterlegt, etwa die Position von Hochspannungsleitungen, um Kollisionen zu verhindern. Dennoch hat der Pilot stets die Kontrolle. Dabei hilft ihm eine 5G-Mobilfunkverbindung. Reißt diese ab, klappt die Steuerung auch – wenn auch etwas schwerfälliger – über 4G.

Feuerwehrmann Sebastian Damm hat über ein Tablet nur Zugriff auf die Kameras. Im Livebild werden ihm durch eingebaute KI-Software bestimmte Objekte markiert – so kann er sich in der Hektik schneller orientieren. „Die Software auf dem Tablet ist simpel“, sagt Volkert. „Der Einsatzleiter sitzt schließlich unter Stress im fahrenden Fahrzeug. Das Martinshorn läuft. Und zugleich muss er schnell Dinge auf dem Kamerabild erkennen.“ 

Damm kann aber nicht nur gucken, sondern auch die beiden Kameras schwenken – über die 5G-Verbindung nur mit wenigen Millisekunden Verzögerung. Damit die Rettungsdrohne wirklich schneller ist als die menschlichen „Kollegen“ am Boden, braucht es noch zwei Dinge: ein flächendeckendes 5G-Netz ohne Funklöcher. Und ein Netz aus etwa sieben Drohnen-Basen, also Start- und Landeplätzen, für Braunschweig. Feuerwehrmann Damm hat es, typisch Feuerwehr, eilig: „Ich hätte die Drohnen lieber schon heute als morgen zur Verfügung.“

Das ist 5G-Mobilfunk

  • 5G steht für die fünfte Generation des Mobilfunks. Sie ist die Weiterentwicklung der bisherigen Mobilfunkstandards. 
  • Wesentliche Vorteile: geringere Übertragungszeiten (Latenzen) von unter einer Millisekunde und Datenraten bis zu 10 Gigabit pro Sekunde. Dies ist mindestens 10-mal schneller als 4G. 
  • Der Ausbau in Deutschland ist fortgeschritten. Ende Oktober 2021 waren laut Bundesnetzagentur rund 53 Prozent des Landes von mindestens einem Mobilfunkanbieter mit 5G versorgt.

Zum Mobilfunkausbau informiert die Dialoginitiative der Bundesregierung unter www.deutschland-spricht-ueber-5g.de

Bilder: Jens Umbach

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