Warum unser Gehirn beim Autofahren nur eine Aufgabe schafft.

Eine komplexe Aufgabe genügt: Erfahren Sie, warum das Führen eines Fahrzeuges bereits Multitasking ist.

26. Mai 2026
6 Minuten

Schnell eine Nachricht tippen, kurz die Navigation neu starten, nebenbei einen Kaffee trinken – viele Autofahrende sind überzeugt, Ablenkung am Steuer im Griff zu haben. Doch die Wissenschaft ist eindeutig: Echtes Multitasking existiert nicht. Unser Gehirn ist beim Fahren bereits mit einer hochkomplexen Aufgabe ausgelastet und kann weitere Tätigkeiten nicht gleichzeitig, sondern nur im schnellen Wechsel bewältigen – mit fatalen Folgen für die Aufmerksamkeit. Warum Ablenkung im Straßenverkehr so gefährlich ist, welche drei Arten unser Gehirn überfordern und wie Sie mit einfachen Maßnahmen sicher ans Ziel kommen, erfahren Sie in diesem Artikel.

Die Ampel wird grün, doch der erste Wagen bleibt einfach stehen. Ein kurzes Hupen und der Kopf der fahrenden Person schnellt hoch, der Blick vom Smartphone wandert zurück zur Straße.

Displays bestimmen zunehmend unseren Alltag und je mehr Bildschirme uns umgeben, desto größer wird die Gefahr, dass wir uns ablenken lassen. Auch im Straßenverkehr. Vom Smartphone über das Navigationssystem bis zum fest verbauten Touchscreen: Im modernen Kfz buhlen immer mehr digitale Geräte um unsere Aufmerksamkeit. Viele Menschen glauben deswegen, sie könnten mehrere Dinge gleichzeitig tun und sich dennoch voll auf die Straße konzentrieren.

Doch egal ob Handy, Navigation, nebenbei Essen oder emotionale Gespräche mit der beifahrenden Person – die Wissenschaft ist eindeutig: Echtes Multitasking ist ein Mythos. Unser Gehirn kann nicht gleichzeitig mehrere komplexe Tätigkeiten bewältigen – und genau das macht Ablenkung am Steuer, auf dem Fahrrad oder E-Scooter so gefährlich.

Fahren ist bereits Multitasking

Was viele unterschätzen: Allein schon das Führen eines Fahrzeugs ist eine hochkomplexe Aufgabe. Unser Gehirn muss dabei ständig mehrere Dinge koordinieren: das Verkehrsgeschehen beobachten, Geschwindigkeit und Abstand einschätzen, lenken, schalten, bremsen und auf andere Verkehrsteilnehmende reagieren. Diese Tätigkeiten laufen zwar durch Übung automatisiert ab, erfordern aber dennoch unsere volle Aufmerksamkeit.

Kommen jetzt noch zusätzliche Aufgaben hinzu – ein Telefonat, eine Textnachricht oder die Bedienung des Bordcomputers –, ist unser Gehirn überfordert. Es kann nicht gleichzeitig alle diese komplexen Tätigkeiten bewältigen, sondern muss blitzschnell zwischen ihnen hin- und herschalten. Die Folge: Bei keiner der Tätigkeiten ist die Aufmerksamkeit ausreichend lange und die Fehlerquote steigt drastisch.

Das menschliche Gehirn kann auf drei verschiedene Arten abgelenkt werden

Expertinnen und Experten des Deutschen Verkehrssicherheitsrates (DVR) und der Berufsgenossenschaft Handel und Warenlogistik (BGHW) unterscheiden drei Arten von Ablenkung, die oft gleichzeitig auftreten:

Visuelle Ablenkung: Der Blick wandert vom Verkehrsgeschehen weg – zum Smartphone, Navigationsgerät oder den Tankstellenpreisen. Bereits zwei Sekunden ohne Blick auf die Straße bedeuten eine gefährliche Blindfahrt von 18 Metern bei 30 km/h, 30 Metern bei  
50 km/h und 60 Metern bei 100 km/h.

Motorische Ablenkung: Eine Hand verlässt das Lenkrad oder den Lenker, um das Smartphone zu bedienen, nach einem Gegenstand zu greifen oder die beschlagene Scheibe frei zu wischen. Das Fahrzeug wird dabei nicht mehr präzise gesteuert.

Mentale Ablenkung: Gedanken oder intensive Gespräche führen dazu, dass Verkehrssituationen falsch eingeschätzt oder wichtige Signale übersehen werden – selbst wenn der Blick noch auf der Straße liegt.

Besonders kritisch wird es, wenn mehrere Ablenkungsarten zusammenkommen: Wer während der Fahrt mit dem Smartphone am Ohr telefoniert, ist motorisch abgelenkt (Hand fixiert das Gerät), visuell abgelenkt (Blick auf das Display) und mental abgelenkt (Konzentration auf das Gespräch). Das Unfallrisiko steigt dadurch massiv.

Selbst- und Fremdwahrnehmung gehen beim Multitasking auseinander

Das Wissen um die Gefahr und das tatsächliche Verhalten klaffen weit auseinander: Laut einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom aus dem Jahr 2024 halten  
94 Prozent der Befragten die Smartphonenutzung am Steuer für verantwortungslos – dennoch gaben 56 Prozent an, ihr Gerät bereits unerlaubt während der Fahrt genutzt zu haben. Laut einer Studie der Allianz aus dem Jahr 2023 telefonieren 65 Prozent aller Autofahrenden mit Handy am Steuer.

Die Konsequenzen sind dramatisch: Laut Statistischem Bundesamt verursachte Ablenkung im Jahr 2024 in 8.722 Fällen einen Unfall mit Personenschaden – 106 Menschen kamen dabei ums Leben. Bei 1.041 Unfällen war dabei Ablenkung durch ein elektronisches Gerät Grund für die Störung. Das macht deutlich: Multitasking im Straßenverkehr ist keine Fähigkeit, sondern eine Gefahr.

Die Studie der Allianz zeigt auch, um wie viel Prozent verschiedene Tätigkeiten das Unfallrisiko erhöhen:

  • um 61 Prozent durch das Schreiben von Textnachrichten mit dem Handy in der Hand
  • um 58 Prozent durch sonstige Nutzung mobiler Geräte in der Hand (z. B. Musik, Bilder, Apps)
  • um 56 Prozent durch das Lesen von Textnachrichten mit dem Handy in der Hand
  • um 54 Prozent durch das Schreiben von Textnachrichten über ein fixiertes oder verbautes Gerät
  • um 46 Prozent durch die Nutzung des Navigators (Bedienen und/oder Ablesen)
  • um 37 Prozent durch die Bedienung der Klimaanlage
  • um 34 Prozent durch die Bedienung des Autoradios
  • um 32 Prozent durch das Telefonieren mit dem Smartphone in der Hand

Multitasking gefährdet alle Verkehrsteilnehmenden

Wer abgelenkt fährt, gefährdet nicht nur sich selbst, sondern auch andere Verkehrsteilnehmende. Ein Moment der Unaufmerksamkeit kann ausreichen, um eine Person zu übersehen, die plötzlich auf die Straße läuft, oder einen Radfahrenden, der die Spur wechselt.

Besonders vulnerable Verkehrsteilnehmende wie Kinder, ältere Menschen oder Menschen mit Behinderungen sind auf die volle Aufmerksamkeit aller angewiesen. Sie haben oft längere Reaktionszeiten oder können Gefahren schwerer einschätzen. Wer abgelenkt ist, kann in kritischen Situationen nicht schnell genug reagieren, um sie zu schützen.

Gut vorbereiten, um Ablenkung vorzubeugen

Mit einigen einfachen Maßnahmen können Sie Ablenkung vermeiden und sicher ans Ziel kommen. Dabei lohnt es sich, auch die Bedienung des eigenen Fahrzeugs im Blick zu haben: Eine Auswertung des ADAC zeigt, dass Autos mit überwiegender Touchscreen-Bedienung die Ablenkung messbar erhöhen, denn verschachtelte Menüs erfordern mehr Konzentration und verlängern die Bedienzeiten.

Was Sie gegen Ablenkung unternehmen können:

Vor Fahrtantritt:

  • Smartphone in den Flugmodus oder auf „nicht stören“ schalten oder außer Reichweite legen
  • Sitzposition, Navigation, Musik, Lüftung oder Klimaanlage einstellen
  • Route vorher checken und verinnerlichen

Während der Fahrt:

  • Volle Konzentration auf die Fahraufgabe richten
  • Bei wichtigen Anrufen oder Aufgaben an einem geeigneten Ort anhalten
  • Pausen für Essen, Trinken oder längere Telefonate nutzen

Technische Hilfsmittel nutzen:

  • Automatische Antworten aktivieren, zum Beispiel: „Ich bin gerade unterwegs und melde mich später.“
  • Apps nutzen, die eingehende Nachrichten während der Fahrt automatisch auf die Mailbox leiten
  • Sprachsteuerung für notwendige Funktionen verwenden – aber nur, wenn diese wirklich dringend notwendig sind oder ein Notfall besteht

Es gilt also: Unser Gehirn ist beim Fahren bereits voll ausgelastet – jede zusätzliche Ablenkung erhöht das Unfallrisiko und gefährdet alle Verkehrsteilnehmenden. Volle Aufmerksamkeit ist deshalb keine Option, sondern Verantwortung.

Bilder: Shutterstock