Für eine gute Fahrt – ​​​​​​​ein Leben lang.

Eine neue Aktion bringt Biker sicher durch die Saison. Im Interview gibt Polizeioberkommissarin Cécile Poirot Tipps.

12. April 2021
6 Minuten

Die Tage werden wärmer und die Motorradsaison ist eröffnet. „Runter vom Gas“ startet daher eine neue Aktion für mehr Sicherheit von Motorradfahrenden im Straßenverkehr. Unter dem Motto „Für eine gute Fahrt – ein Leben lang.“ ruft „Runter vom Gas“ mit einem Aktionsfilm zu einer sicheren und vorausschauenden Fahrweise auf.

Auch die Hamburger Polizeioberkommissarin Cécile Poirot unterstützt die Aktion. Im Interview gibt sie Tipps, wie sich Motorradfahrende am besten auf die neue Saison vorbereiten, und erklärt, warum regelmäßige Trainings mehr Sicherheit auf dem Motorrad bringen.  

„Zieh eine Reflektorweste an, mach dich sichtbar.“

In der Freizeit und im Job – Polizeioberkommissarin Cécile Poirot (51) kennt sich mit schnellen Maschinen aus. Beruflich engagiert sich die Hamburgerin vor allem für Unfallprävention. Wie man auf dem Motorrad sicher unterwegs ist, erklärt sie im Interview.

Frau Poirot, Sie sind leidenschaftliche Motorradfahrerin und seit 30 Jahren auf der Maschine unterwegs. Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie selbst wieder fahren?

Auf die Natur. Ich sehe immer direkt gelbe Rapsfelder vor mir. Motorradfahren ist für mich purer Genuss – auch weil ich es mit meinem Partner teilen kann.

Seit knapp 20 Jahren arbeiten Sie bei der Hamburger Polizei. Für die Verkehrsdirektion waren Sie schon auf dem Motorrad unterwegs, um beispielsweise Demonstrationszüge zu begleiten. Heute machen Sie sich vor allem stark für die Unfallprävention bei Motorradfahrenden. Warum liegt Ihnen das Thema so am Herzen?

Es gibt viele Unfälle, die wirklich vermeidbar wären. Das ist ärgerlich und traurig. Ich habe mich gefragt: Wie kann ich Motorradfahrenden Präventionsmaßnahmen nahebringen, die sie selbst für sich umsetzen und akzeptieren können? Das sind ganz einfache Sachen. Wenn Autofahrende sagen: „Ich habe ihn nicht gesehen“, dann ist die Konsequenz für Motorradfahrende ganz klar: Zieh eine gelbe Weste an, im besten Falle mit retroreflektierendem Material, und mach dich sichtbar. Das ist supereinfach. Mit Kleinigkeiten können Verkehrsteilnehmende für ihre eigene Sicherheit sorgen. Dafür müssen wir sie sensibilisieren.

Mit einer 1-Euro-Münze lässt sich die Reifenprofiltiefe überprüfen.

Frisch in die Saison

Immer mehr Menschen holen ihre Motorräder jetzt aus der Garage und starten wieder durch. Wie bereitet man die Maschinen am besten für die neue Saison vor?

Dazu gehören ein Frühjahrsputz und ein gründlicher Check des Krads. Hier hilft die Faustregel „4 B“: Bremsen, Beleuchtung, Bereifung und Betriebsstoffe. Motorradfahrende müssen sich die Bremsen genau anschauen und testen. Funktioniert die Beleuchtung noch oder muss man die Lampen auswechseln? Dann müssen sie die Reifenprofiltiefe und das Alter der Reifen überprüfen. Diese sollten nicht älter als sechs Jahre sein. Bei den Betriebsstoffen gilt es zu kontrollieren, ob die Flüssigkeiten frisch sind und die Füllstände stimmen.

Und was gilt es persönlich für die Fahrerinnen und Fahrer zu beachten?

Zum Start muss man langsam wieder ins Fahren reinkommen. Erst mit kleinen Ausflügen starten, bevor große Touren kommen. Zudem sollten sie sich körperlich fit halten, denn Kondition bringt Konzentration. Aber auch die Ausrüstung muss stimmen. Hier gilt es individuell zu schauen: Passt meine Schutzkleidung noch? Bin ich mit zu enger Kleidung unterwegs, ist das Fahren anstrengender und bin ich weniger leistungsfähig. Sitze ich gut auf der Maschine? Empfinde ich beim Sitzen Schmerzen, dann bin ich schneller abgelenkt und schlechter konzentriert. Dadurch steigt das Unfallrisiko.

Im neuen Film sieht man, dass das Paar gemeinsam auf dem Motorrad deutlich gealtert ist. Wie verändert sich eigentlich das Fahrverhalten von Motorradfahrenden mit steigendem Alter?

Kurz gesagt: Je erfahrener, desto sicherer. Kennt man bestimmte Situationen, kann man diese auch besser einschätzen.  Es benötigt aber auch Selbstreflexion und Disziplin. Man muss sich fragen: Inwiefern strengt mich das Fahren im höheren Alter an? Passen meine motorischen Fähigkeiten und Möglichkeiten noch zum komplexen Verkehrsgeschehen?

Fahrsicherheitstrainings sind keine Pflicht für Motorradfahrende. Sie geben aber möglicherweise Antworten auf diese Fragen. Was halten Sie von diesen Trainings?

Angst ist ein schlechter Begleiter. Besonders zu Beginn jeder Saison sollte sich jede und jeder so ein Training gönnen. Hier mache ich mich unter Anleitung ausgebildeter Fahrtrainerinnen und -trainer mit der Fahrphysik meines Motorrades wieder vertraut. Das so erlangte intuitive Handeln bringt Sicherheit für den echten Verkehr.  

„Motorradfahrende sollten sich bei Saisonstart ein Fahrtraining gönnen. Gemeinsam mit Profis übt man z.B. richtiges Bremsen.“

Gemeinsam unterwegs

In dem Film sieht man das Pärchen zusammen „durchs Leben reisen“. Welche Vorteile ergeben sich beim gemeinsamen Fahren zum Beispiel hinsichtlich des Fahrverhaltens?

Das Besondere an gemeinsamen Touren ist, dass man die Wahrnehmung und die Erlebnisse mit anderen teilen kann. Beim Fahren sieht man aber auch direkt die Fahrfehler der anderen. Diese Außenbetrachtung und ein Hinweis eines anderen Motorradfahrenden sind wertvoll, denn einige bemerken ihre Fehler selber nicht.

Und welche besonderen Herausforderungen stehen den Vorteilen gegenüber? Lässt man sich in Gemeinschaft tendenziell schneller ablenken vom sicheren Fahren?

In Gruppen schaut man die ganze Zeit: Was machen die anderen vor oder hinter mir? An sich ist man in der Gruppe fokussierter auf das Fahren. Das ist allerdings auch deutlich anstrengender. In einer festen Gruppe, die öfter zusammenfährt, fällt es leichter, sich auf den Verkehr zu konzentrieren, weil man sich kennt.

Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Regeln für Gruppenfahrten?

In erster Linie gilt für alle Verkehrsteilnehmenden die Straßenverkehrsordnung. Darüber hinaus hat jede Gruppe ihre eigenen Vereinbarungen, die vorher aufgestellt und von allen beachtet werden müssen. Denn jede Gruppe ist wie eine Familie – jedes Mitglied hat eigene Fähigkeiten und traut sich andere Dinge zu. Es gilt also zu klären: Wer führt die Gruppe an? Wo darf innerhalb der Gruppe überholt werden? Wie wird zueinander Abstand gehalten? Das ist fast wie ein Vertrag, der für alle gelten muss. Das Nichteinhalten dieser Vereinbarungen birgt Gefahren, die vermeidbar sind.

Vor allem lange Touren sind Hochleistungssport. Was müssen Motorradfahrende machen, damit sie unterwegs fit bleiben?

Es ist wichtig, ausgeruht zu fahren und ausreichend zu trinken. Wer zu wenig trinkt, wird schneller müde. Unterwegs sollte man genug zu trinken dabeihaben. Auch müssen ausreichende Pausen mit eingeplant werden. Diese sollten nicht erst bei den ersten Ermüdungserscheinungen eingelegt werden.  

Sicher ausgerüstet

Zur Grundausstattung für Motorradfahrende gehört ein sicherer Helm. Worauf muss beim Kauf geachtet werden?

Hier darf man keine Kompromisse eingehen. Ein Helm muss immer der ECE-Norm entsprechen. Er muss perfekt sitzen und einen hohen Tragekomfort aufweisen. Ich empfehle Helme mit einem Kinnschutz, der beim Fahren immer verschlossen sein sollte. Zudem bieten sich vor allem Helme in grellen Farben an. Der Kopf ist der höchste Punkt und hebt die schmale Silhouette noch mal hervor, wodurch Motorradfahrende besser für andere Verkehrsteilnehmende sichtbar sind.

Wie oft sollte man den Helm austauschen?

Als Anhaltspunkt könnten die Gewährleistungszeiten der Hersteller dienen. Zudem möchte ich betonen, dass ein Helm, der bei einem Unfall oder Sturz in Mitleidenschaft gezogen wurde, ausgetauscht werden muss – auch wenn dieser von außen keine sichtbaren Schäden aufweist. Nicht jede Beschädigung ist von außen erkennbar und der Schutz ist sonst nicht mehr gewährleistet.

Kleidung aus retroreflektierendem Material erhöhen die Sichtbarkeit von Motorradfahrenden.

Und was gehört noch zur absoluten Mindestausstattung?

Von unten nach oben aufgezählt, sind das Motorradstiefel mit fester Sohle und Schutz für den gesamten Fuß samt Knöchel, abriebfeste Schutzbekleidung (Jacke und Hose) mit genormten Protektoren, u. a. für Knie, Hüfte, Ellenbogen, den Schulter- und Rückenbereich, und bestenfalls eine Weste mit Airbags. Hinzu kommen abriebfeste Handschuhe mit einem Gelenkband, die die Hände beim Sturz vor Brüchen und Schürfwunden schützen.

Woran erkenne ich gute Motorradschutzkleidung und Ausrüstung?

Beim Kauf der Kleidung hilft es, auf zertifizierte Schutzklassen zu achten. Diese fangen bei C an und gehen bis AAA. Die Schutzklasse AAA bietet zum Beispiel den höchsten Schutz beim Aufprall und vor Abrieb. Darunter fallen oft ein- oder mehrteilige Textil- und Lederkombinationen. Schutzkleidung der Klasse C bietet hingegen nur einen geringen Schutz.

Bilder: Lucas Wahl

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