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Runter vom Gas
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Vom Ende einer Ära

Eine junge Frau nimmt Abschied von ihrem ersten Auto. Ein Nachruf.

 

26.02.2020

14 Autojahre hatte „Schätzchen“ auf dem Buckel, als er in mein Leben trat. Alt war er, ja. Aber er kam immer durch die Haupt- und Abgasuntersuchung und machte einen guten Eindruck. Schnell spielten wir uns ein, bewiesen in unserem ersten Winter, was für ein starkes Team wir sind. Ich, die am Lenkrad eine Engelsgeduld mitbringt. Die ihrem Gefährten nie mehr als 120 km/h abverlangt. Er, der Zuverlässige. Der trotz seines hohen Alters niemals nachgibt, bei tiefen Minusgraden oder Hitzesommer sicher seinen Dienst verrichtet.

Doch dann, ein eisiger Tag im Januar unseres zweiten Winters, verändert alles. Die neue Woche beginnt wie immer: Aufstehen, frühstücken, ab zur Uni. Ich will meine Kommilitonen einsammeln. Doch kurz nachdem ich gestartet bin, steigt Qualm aus der Motorhaube auf. An einer Ampel, direkt vor der Autowerkstatt in meiner Nachbarschaft. „Schätzchen“ gibt sein letztes Rauchzeichen.

Augen auf beim Gebrauchtwagenkauf

Der Vertrag ist unterschrieben, das gebrauchte Auto gekauft. Doch dann der Schock: Der Tacho wurde manipuliert, der Unfallfallschaden verschwiegen, die Reifen sind abgefahrener als angenommen. Deshalb gilt: Vorsorge statt Nachsorge. Die folgenden drei Fragen müssen geklärt sein, und am besten wird der Wagen vor dem Kauf auch noch in einer Werkstatt bzw. von einem Fachmann begutachtet.

Wie alt ist der Gebrauchtwagen?
Der gebrauchte Wagen darf nicht zu alt sein. Der ADAC fand heraus, dass die prozentuelle Pannenhäufigkeit zwischen dem neunten und zehnten Zulassungsjahr am stärksten ansteigt, nämlich von 4,6 Prozent auf 5,5 Prozent. Mit jedem weiteren Monat wird die Wahrscheinlichkeit größer, dass der Gebrauchtwagen werkstattpflichtige und vor allem auch sicherheitsrelevante Mängel aufweist.  

Wie hoch ist der Kilometerstand?

Ab einem Kilometerstand von 150.000 ist vom Kauf in der Regel abzuraten, denn ab dieser Marke ist laut ADAC das Mindesthaltbarkeitsdatum eines durchschnittlichen Fahrzeugs überschritten.

Wie lange ist die letzte Hauptuntersuchung (HU) her?

Ohne HU-Prüfplakette darf in Deutschland kein Auto auf die Straße. Daher sollte man schauen, wann die letzte Haupt- und die letzte Abgasuntersuchung stattgefunden haben bzw. wieder fällig sind – und sich auch die Prüfberichte aushändigen lassen

Da steht „Schätzchen“ also. Regungslos. Nur der Warnblinker zuckt noch. Die Mechaniker der Werkstatt nebenan sind hilfsbereit, schieben das Auto auf den Hof. Doch sie sagen: „Oh, der ist wohl tot.“ Eine gefrorene Hauptschlagader ist geplatzt. Motoröl hat sich über seine inneren Organe ergossen. Sofortiger Exodus.

Schrottstatistik

Wie viel?
•    Rund 500.000 Altfahrzeuge werden laut Umweltbundesamt jedes Jahr verschrottet.
•    Bei insgesamt 64,8 Millionen zugelassenen Kfz in Deutschland ist das eine Sterblichkeitsrate von 0,77 Prozent pro Jahr.
•    Dabei entstehen jährlich bis zu 500.000 Tonnen Verschrottungsmaterial.

Wie lange?
•    Ein Drittel der PKW waren zum Zeitpunkt der Verschrottung 15 Jahre oder älter.
•    Jeder sechste Pkw wurde nur zwei Jahre alt.
Wo?
•    In Deutschland gibt es offiziell rund 1.200 Autofriedhöfe in Form von Demontagebetrieben und Rücknahmestellen.
•    Allein im Berliner Stadtgebiet befinden sich 25 der Autoschrottplätze.

Was?
•    Ein Altauto besteht im Schnitt zu 75 Prozent aus Metallverbindungen – davon können 97 Prozent recycelt werden.
 

Mein Auto ist doch kein simpler Gebrauchsgegenstand – kein alter Toaster, den man einfach wegwirft.

Ich will es nicht wahrhaben. Aber ich muss mich entscheiden: 200 Euro kostet es, um überhaupt eine Diagnose zu erhalten, ob der Wagen noch lebensfähig ist und eine Reparatur Sinn macht. 200 Euro würde ich bekommen, wenn ich seine Organe ambitionierten Autobastlern spende. Aber mein Auto ist kein alter Toaster, den man einfach wegwirft. Zum ersten Mal weine ich nicht in, sondern wegen ihm.

So verläuft eine sachgemäße Verschrottung

Stufe 1: Trockenlegung
In einem Demontagebetrieb werden dem Fahrzeug sämtliche Flüssigkeiten entzogen. Dazu zählen Betriebsflüssigkeiten wie unter anderem Treibstoff, Kühlerflüssigkeit, Motor- und Getriebeöl sowie Kältemittel aus der Klimaanlage.

Außerdem werden Airbags und schadstoffhaltige Bauteile entfernt. Weitere Teile wie Reifen, Starterbatterie und Katalysator können ggf. wiederverwertet werden.

Schritt 2: Schreddern
Jetzt geht es ans Eingemachte. Die restliche Karosserie fällt dem Schredder zum Opfer. Dabei wird eisen- und stahlhaltiger Schrott gewonnen, der anschließend im Berg- und Deponiebau oder als Ersatzbrennstoff Verwendung findet.

Seit 2002 gilt das Altautogesetz: Der Hersteller muss fahruntüchtige Autos kostenlos verschrotten.

Zwischen Freiheit und Dorftristesse

Dabei hatte alles so schön angefangen. Es ist Herbst, das Abitur liegt einige Monate zurück. Ich will meine Leidenschaft zum Beruf machen – die Musik. Wie ich mein Ziel am besten erreiche, muss ich aber erst herausfinden, brauche Zeit. Einfach irgendwas studieren? Das kommt nicht infrage. Ich warte ab und nehme einen Job in einem Rasthof, mitten in der Lüneburger Heide entlang einer Landstraße, an. Ich verkaufe Kaffee und Kuchen an Touristen auf Durchreise.

Bevor ich meine Arbeit angetreten habe, waren sich meine Eltern sicher: Ich brauche ein eigenes Auto. Wie sonst soll ich die Abendschichten in der Gaststätte übernehmen oder zu Auftritten mit meiner Coverband fahren? Das hier ist schließlich Uelzen, Niedersachsen, eben ländlich. Und wie überall in Ost, West, im Schwarzwald oder hier in der Heide bedeutet das Auto auf dem Land Freiheit. Das weiß ich schon länger. Immerhin habe ich mich auf meinen Führerschein schon seit meinem 14. Lebensjahr gefreut. Habe im Kunstunterricht Autos statt Landschaften gemalt, mein erstes eigenes Geld als Bürohilfe in einer Fahrschule verdient.  

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Junge Frau in weißer Bluse sitzt im Warteraum einer Autoverschrottung. Links von ihr sind Autoradios in einem Regal verstaut.
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Junge Frau steht zwischen Altautos.
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Eine junge Frau  schaut unter die Motorhaube eines roten Autos.
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Die Hand einer jungen Frau schließt die Tür eines roten Autos.
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Unser Kennenlernen

Ganz klassisch, völlig ohne Internet, werde ich auf „Schätzchen“ aufmerksam. Ein Schulfreund sieht das signalrote Auto in meinem Heimatdorf stehen. „Zu verkaufen“, handgeschrieben über die ganze Fläche der Windschutzscheibe, nicht zu übersehen. 1.400 Euro sollen sie kosten, meine ersten eigenen vier mobilen Wände. Seitdem ist er mein treuer Begleiter, mein Zufluchtsort. Er ist ein Stück Beständigkeit in der Orientierungslosigkeit, hält mich in Zeiten der Zukunftsangst zusammen. Vielleicht sage ich deshalb bald nur noch „Schätzchen“ zu ihm.

Ich bin ein Mensch, der alles mit sich selber ausmacht. Probleme ungern nach außen trägt. Doch „Schätzchen“ zeige ich mein wahres Gesicht. Sehnsüchtig freue ich mich auf die Heimfahrt, wenn im Rasthof die Bestellungen durcheinandergebracht werden, das Weißbierglas zerbricht, Beschwerden unter die Gürtellinie gehen. Fahrertür auf, leise Musik  – und die Sorgen sind weg.

„Schätzchen“ sieht nicht nur, sondern hört auch alles. Immer wieder steuere ich den gleichen Parkplatz in der Uelzener Innenstadt an. Öle meine Stimme vor meinen ersten Bühnenauftritten auf Weinfesten, Weihnachtsmärkten, Hochzeiten. Hier muss er auch meinen Freudenschrei ertragen: Nachdem ich den Wagen geparkt und den Motor ausgeschaltet habe, schaue ich auf mein Handy und lese eine E-Mail, die meine komplette Zukunft entscheidet. Ab Herbst werde ich in Paderborn Populäre Musik & Medien studieren. Die Sonne scheint durch die Frontscheibe in mein Gesicht. Endlich Sommer, das Leben ist schön.

Wer sein abgemeldetes Auto verwildern lässt, begeht eine Ordnungswidrigkeit. Bußgeld: 120 Euro.

Ein letztes Mal streichle ich ihm über das Lenkrad.

Mein neues Leben hat gerade begonnen, da ist das von „Schätzchen“ endgültig vorbei. 15 Jahre hat er geschafft. Meine persönlichen Gegenstände räume ich aus: das Warndreieck, den kiloschweren Atlas, den mir Papa geschenkt hat. Maskottchen „Alfons“, ein Schlüsselanhänger, der fröhlich über dem Frontspiegel baumelte.

Ein letztes Mal streichle ich über das Lenkrad, bedanke mich für seine Geduld mit mir, dafür, dass er mich in die Unabhängigkeit navigiert hat. Ein letztes Abschiedsfoto, damit ich ihn genauso in Erinnerung behalte – und nicht zusammengewürfelt auf dem Schrottplatz. Zum letzten Mal schließe ich die Fahrertür – und öffne einen neuen Lebensabschnitt.

Stressfrei verabschieden

Für die endgültige Stilllegung des Fahrzeuges müssen folgende Dokumente bei einer beliebigen Kfz-Zulassungsbehörde vorgelegt werden:
•    Verwertungsnachweis (ausgestellt vom zertifizierten Betrieb)   
•    Kennzeichen (amtlich/demontiert)
•    Fahrzeugschein
•    Fahrzeugbrief (alternativ Zulassungsbescheinigung Teil I und II)

Kürzer und schmerzloser gestaltet sich die Online-Abmeldung Ihres Autos. Dafür müssen jedoch folgende Voraussetzungen erfüllt sein:
•    Das Fahrzeug wurde ab dem 01. Mai 2015 zugelassen
•    Es liegen ein elektronischer Personalausweis mit freigeschalteter Onlinefunktion (kurz: eID) und ein Lesegerät vor
•    Sie nutzen die AusweisApp des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik
•    Die Bezahlung kann online erfolgen

Die Kosten belaufen sich auf 6,90 Euro, wenn der Pkw in derselben Zulassungsbehörde abgemeldet wird, wo er einst angemeldet wurde. Ansonsten werden bundesweit zehn Euro fällig.

Ist die Abmeldung erfolgreich abgewickelt, tritt sie am selben Tag um 23:59 Uhr in Kraft. Von der Zulassungsbehörde kann man mit seinem Gefährt also noch entspannt nach Hause fahren. Wichtig: Für die letzte gemeinsame Reise muss jedoch nochmals das Fahrzeugkennzeichen angebracht werden.

Bilder: Lucas Wahl, shutterstock - DmyTo, shutterstock – Maren Winter

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