Wir verwenden Cookies auf unserer Website, damit Sie es möglichst einfach haben. Erfahren Sie mehr über die Cookie-Richtlinien. Durch die Nutzung unserer Website stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu.

Runter vom Gas
Alle Ergebnisse

Stopp den Rasern

Im Einsatz mit der Projektgruppe „Rennen“.

 

Wenn am Sonntagmorgen die Sonne aufgeht, sind die Kölner Straßen ein kleines bisschen sicherer. Sechs Autos und ein Motorrad haben Polizeihauptkommissar Rainer Fuchs und seine Kollegen in der Nacht zum Sonntag aus dem Verkehr gezogen. Der 54-Jährige leitet die Ermittlungsgruppe „Projekt Rennen“. Mit seinem Team ist er seit Mai 2015 Tag und Nacht auf den Kölner Straßen unterwegs – denn illegale Autorennen haben im vergangenen Jahr drei Menschen das Leben gekostet.

Bild von
Bild 1 von 7

Schichtbeginn. Rainer Fuchs und Marco Rolfini bereiten sich auf ihren Einsatz vor.

Bild 2 von 7

Die Mitarbeiter des „Projekts Rennen“ sind mit zivilen Funkstreifenwagen im Einsatz.

Bild 3 von 7

Ein auffälliges Auto wird unter die Lupe genommen.

Bild 4 von 7

Fuchs prüft die Genehmigungen.

Bild 5 von 7

Chiptuning soll die PS-Zahl erhöhen. In diesem Fall ist die Modifikation illegal.

Bild 6 von 7

Immer aufmerksam. Fuchs hält Ausschau nach Rasern.

Bild 7 von 7

Tag und Nacht im Einsatz gegen Raser: Rainer Fuchs und Marco Rolfini.

Ende März 2015 rast ein 19-Jähriger quer in ein Taxi, ein Fahrgast stirbt. Keine drei Wochen später trifft es eine 19-Jährige: Auf dem Auenweg im Stadtteil Köln-Mülheim verliert ein Fahrer bei einem Rennen die Kontrolle über sein Auto und rast in die junge Radfahrerin. Drei Monate darauf verliert eine weitere unschuldige Person auf öffentlichen Straßen ihr Leben – wieder ist es ein Radfahrer. Das Opfer will gerade einen Zebrastreifen überqueren, als ein ins Schleudern geratener Wagen den 26-Jährigen erfasst. Nach drei Tagen erliegt er seinen schweren Kopfverletzungen.

In Zivil gegen Raser

Am Samstagabend, als die Sonne gerade untergegangen ist, beginnt die Nachtschicht der Projektgruppe „Rennen” im Polizeipräsidium Köln. Polizeihauptkommissar Fuchs, mittelgroß, dunkelblonde kurze Haare, geht mit seinem Kollegen Marco Rolfini in die Tiefgarage. Der 28-Jährige ist einer der Neuen im Team, das gerade vergrößert wurde. Denn Arbeit gibt es genug, vor allem in einer Samstagnacht. Fuchs und Rolfini sind ein ungleiches Paar. Der Hauptkommissar ist erfahren, bestimmt und impulsiv. Der Neue denkt viel nach. Er arbeitet gewissenhaft einen Punkt nach dem anderen ab. In der Tiefgarage des Polizeipräsidiums stehen blau-weiße Streifenwagen aufgereiht, doch die beiden Polizisten gehen zu einem grauen BMW. Die Beamten vom „Projekt Rennen” sind hauptsächlich in zivilen Streifenwagen unterwegs.

Wer im Straßenverkehr aggressiv fährt, den erkennt man sofort.

Im Kofferraum haben sie einen schwarzen Lederkoffer mit der Ausrüstung: Schallpegelmessgerät, Taschenlampen, Zollstock, Schraubenzieher und allerhand Formulare. Vorn im Auto testen die beiden Polizisten eine sogenannte Onboard Kamera an der Windschutzscheibe. „Wer im Straßenverkehr aggressiv fährt, den erkennt man sofort”, sagt Fuchs.

Ausschau halten nach Rasern

Das Täterprofil beschreibt er so: „Junge Männer zwischen Volljährigkeit und Mitte 20, in der Regel Fahranfänger, die sich im Straßenverkehr profilieren und auffallen wollen. Dazu PS-starke Fahrzeuge, oft technisch illegal getunt und ein hohes Maß an Selbstüberschätzung. Das ist eine gefährliche Kombination!” Wenn die Beamten einen Raser nicht gerade auf frischer Tat ertappen, können andere Anzeichen sie auf die richtige Spur bringen.

Tuning als Indiz

Nicht jeder Tuner ist ein Raser, nicht jedes getunte Fahrzeug ist fehlerhaft. „Im Bereich der legalen Tuningszene geht es meist um die Optik und die technische Veredelung des Wagens”, sagt Fuchs. „Die wollen mit den Autos gesehen werden, haben viel Liebe und Geld in den Umbau gesteckt.” Anders sehe das in der illegalen Tuningszene aus. „Hier fehlt oft die TÜV-Abnahme – oder es werden einfach nicht zugelassene Veränderungen, insbesondere an der Auspuffanlage und dem Fahrwerk, vorgenommen.”

An der ersten Ampel vor dem Polizeipräsidium fällt den Polizisten ein grauer Mercedes mit lautem Auspuff und teuren Alufelgen auf, ein junger Fahrer sitzt am Steuer. Das könnte passen. Fuchs kurbelt sein Fenster herunter: „Polizei, folgen Sie uns bitte.” Als die Wagen hinter der nächsten Kurve zum Stehen kommen, steigt der junge Mann aus. Er ist Anfang 20, rotes Shirt, Jeans und ein akkurat geschnittener Vollbart. Er wirkt schüchtern.

Fahranfänger und Profilierungssucht. Dazu PS-starke Fahrzeuge und ein hohes Maß an Selbstüberschätzung. Das ist eine gefährliche Kombination!

Nach wenigen Augenblicken kniet Polizeihauptkommissar Fuchs neben dem Mercedes. Mit seiner Taschenlampe leuchtet er unters Auto und in den Motorraum: Volltreffer. Am Wagen wurde ordentlich rumgeschraubt, sogar chipgetunt ist er. Doch die Genehmigungen fehlen. Das Auto wird abgeschleppt.

Beim „Projekt Rennen“ geht es auch um Prävention. Die Polizei will verhindern, dass sich wiederholt, was 2015 passierte. Viele schwere, teils tödliche Unfälle in kurzer Zeit – das war der Anlass, die Projektgruppe zu gründen. „Ich sehe einen großen Sinn darin, man kann viel tun“, erklärt Fuchs seine Motivation. Er steckt viel Herzblut in die Sache, lässt nicht locker, vor allem nicht auf der Straße.

Im Rahmen des Projekts sei viel Vorarbeit geleistet worden. Absprachen mit der Stadt, den Bußgeld- und Führerscheinstellen seien ebenso erforderlich gewesen wie interne Schulungen. „Außerdem haben wir viel Medienarbeit gemacht und versucht, die Bevölkerung für das Thema zu sensibilisieren“, sagt Fuchs.

Illegale Autorennen sollen zur Straftat werden

Das Phänomen der illegalen Autorennen und seine Gefährlichkeit gerade für Unbeteiligte wurde auch zum politischen Thema. Bisher können lebensgefährliche Straßenrennen nur mit 400 Euro Bußgeld und einem Monat Fahrverbot geahndet werden. Doch das soll sich ändern: Illegale Autorennen sollen von einer Ordnungswidrigkeit zu einer Straftat werden. Im Straßenverkehrsgesetz (StVG) soll der Straftatbestand der Veranstaltung von oder der Teilnahme an verbotenen Autorennen eingeführt werden (§ 23a StVG). Auch der Versuch wird dabei unter Strafe gestellt.

Mehrere Jahre Gefängnis kommen dann auf die Raser zu – vor allem dann, wenn sie das Leben anderer gefährden oder Menschen zu Tode kommen. So wie damals die 19-Jährige auf dem Auenweg. Dort, wo die junge Frau starb, hat der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) ein weiß gestrichenes Fahrrad angebracht. Auch jetzt, anderthalb Jahre später, schmücken Blumen das Mahnmal. „Als ich das Fahrrad zum ersten Mal gesehen habe, hatte ich einen Kloß im Hals”, sagt Rolfini. 19 Lebensjahre, von jetzt auf gleich ausgelöscht – alles für ein paar Sekunden Adrenalin.

In der Innenstadt alle Regeln zu brechen, das gibt Adrenalin.

Fuchs und Rolfini sind inzwischen auf den Kölner Ringen angekommen, der innerstädtischen Amüsiermeile mit Edeldiskotheken und Szenerestaurants: Hier will man sich zeigen. Ideal für potentielle Raser, denn sie haben laut Fuchs eine große „Darstellungssucht”. Und sie suchen den Kick. „Legale Autorennen auf gesicherten Rennstrecken zu fahren, das ist etwas anderes, als sich bewusst und gewollt in einer Innenstadt über Verkehrsregeln hinweg zu setzen und das Leben von Unbeteiligten zu gefährden. Es scheint der Adrenalinkick zu sein, der dieses Verhalten hervorruft”, erklärt sich Fuchs die gefährlichen Rennen auf den Straßen der engen Innenstadt.

Auch heute dauert es keine fünf Minuten, bis die beiden Polizisten einen weißen aufgemotzten Porsche Cabrio aus dem Verkehr ziehen. Doch dieses Mal läuft es nicht so ruhig ab wie bei dem schüchternen jungen Mann zuvor. Der Cabrio-Fahrer ist aggressiv. „Mein Auto nehmt ihr nicht mit, das ist mein Eigentum! Ihr habt doch keine Ahnung”, brüllt er. Die Polizisten holen Verstärkung und prüfen in Ruhe Personalien und Bauteilgenehmigungen. Schnell ist klar: Auch dieses Auto wird abgeschleppt.

Profis mit geschultem Auge

„Wir sind darauf spezialisiert, den technischen Zustand eines Fahrzeugs zu überprüfen”, sagt Fuchs. Erhärtet sich ein Verdacht der Beamten, dass ein Wagen verkehrsunsicher ist, wird er dem TÜV vorgeführt. Sollte dort herauskommen, dass Fuchs oder seine Kollegen sich geirrt haben, trägt die Polizei die Kosten. Aber das kommt selten vor.

Täter häufig aktenkundig

Denn Fuchs irrt sich fast nie. „Man bekommt einfach einen Blick dafür”, sagt er. Immer wieder trifft sein Team auf Fahrer, die entweder wegen des gleichen oder auch anderer Delikte bereits bei der Polizei aktenkundig sind. Manche geben sogar offen zu, dass sie die Aufmerksamkeit brauchen, die ein getuntes Auto erregt.

Das größte Problem aber bleiben die illegalen Autorennen. Die Polizisten suchen nach Leuten, die aggressiv fahren, und Verkehrsregeln bewusst außer Acht lassen. Meist sitzen junge Männer am Steuer. „Die hören Musik, sind gut drauf. Dann kommt ein anderes Auto und es wird mit dem Gaspedal gespielt”, beschreibt Fuchs ein typisches Einstiegsszenario. An einer Ampel werde um die beste Position gebuhlt und es entwickele sich eine Rennsituation. „Jegliches Gefahrenbewusstsein wird ausgeschaltet. Diese spontanen Beschleunigungsrennen mit teilweise hohen Geschwindigkeitsüberschreitungen enden dann häufig in einem Unfall – oft mit tragischen Folgen.”

Während Rolfini im Auto akkurat die Genehmigungen prüft, seufzt er: „An Arbeit mangelt es uns nicht.” Seit Gründung der Ermittlungsgruppe „Rennen“ hat diese schon mehr als 5.000 Autos angehalten und kontrolliert. Einen Lichtblick gibt es immerhin: Nach den drei tragischen Unfällen im vergangenen Jahr kamen 2016 keine weiteren Todesopfer hinzu.

 

Fotos: Lucas Wahl

https://www.runtervomgas.de/unterwegs/artikel/stopp-den-rasern.html