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Unfallprävention nach Maß

Mit GUROM analysieren Unternehmen und Beschäftigte Unfallrisiken auf dem Arbeitsweg – und finden individuelle Lösungen.

04. Mai 2021
4 Minuten

Die Ursachen von Verkehrsunfällen, die im Zusammenhang mit dem Arbeitsweg stehen, sind vielfältig. Nicht nur Stress, Müdigkeit und Ablenkung gehören dazu. Mit „GUROM“ stellt der Deutsche Verkehrssicherheitsrat (DVR), gemeinsam mit der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Unternehmen sowie Arbeitnehmenden ein Tool zur Analyse der individuellen Unfallrisiken auf berufsbedingten Wegen zur Verfügung. Im Interview spricht einer der Projekt-Verantwortlichen über Hintergründe, Chancen und Erfolge des Projekts.

Herr Schulte, zunächst, was ist GUROM?

GUROM ist ein Online-Tool zur Ermittlung von Gefährdungen auf berufsbedingten Wegen: Den täglichen Strecken von Zuhause zur Arbeit und zurück, aber auch auf Dienstfahrten und Tätigkeiten im Straßenverkehr.
Unternehmen und kommunale Einrichtungen sind verpflichtet, Gefährdungsbeurteilungen für jeden Arbeitsplatz vorzunehmen. Mit GUROM stellen wir im Auftrag der gesetzlichen Unfallversicherungsträger eine Möglichkeit zur Verfügung, mit der Unternehmen in diesem Rahmen eine Analyse der Gefährdungen auf den täglichen Arbeitswegen ihrer Beschäftigten vornehmen können. Diese kann dann in die gesamte Gefährdungsbeurteilung einfließen.

Wofür steht GUROM?

GUROM war ursprünglich die Abkürzung für "Gefährdungsbeurteilung und Risikobewertung organisationaler Mobilität". Mittlerweile ist GUROM ein Name für sich geworden und steht für "Mobilität sicher gestalten".

Das bedeutet, GUROM richtet sich ausschließlich an Einrichtungen und Unternehmen, oder auch an Privatleute?

Das Online-Tool bietet beide Möglichkeiten. Ursprünglich war gedacht, es Unternehmen und Einrichtungen für die Analyse zur Verfügung zu stellen. Aber parallel kann auch jede Privatperson daran teilnehmen und eine persönliche Gefährdungsanalyse durchführen lassen.

Wie läuft diese Gefährdungsanalyse ab?

Die eine Möglichkeit: Sie nehmen als Privatperson teil. Zunächst erfolgt ein erstes Screening – ungefähr 20 Fragen – um herauszufinden, mit welchen Verkehrsmitteln die Person eigentlich unterwegs ist. Wie sehen die täglichen Wege aus? Anschließend beantworten die Userinnen und User spezifische Fragen entsprechend der Art, wie sie am Verkehr teilnehmen. Je mehr verschiedene Verkehrsmittel sie nutzen, desto größer der jeweilige Fragenkatalog. Anschließend erfolgt die Auswertung.

Der andere Zugang: Ein Unternehmen oder eine Einrichtung möchte für die gesamte Belegschaft oder einzelne Abteilungen eine Analyse durchführen und beantragt dafür einen Unternehmenszugang. Die Beschäftigten haben dann die Möglichkeit die Fragen über den Unternehmenszugang zu beantworten. Sie bekommen eine individuelle Auswertung nach Hause, das Unternehmen erhält eine anonymisierte Auswertung für alle Beschäftigten.
Darin tauchen dann die individuellen Rahmenbedingungen auf. Beispielsweise ein starrer Beginn der Arbeitszeit. Das Unternehmen könnte dann die Empfehlung erhalten, die Arbeitszeitregelung zu entschärfen. Eine andere Variante: Es stellt sich heraus, dass Beschäftigte Dienstwagen benutzen, darin aber gar nicht eingewiesen wurden. Wenn aber nicht alle Funktionen, die ein Dienstfahrzeug hat – viele Fahrerassistenzsysteme, vielleicht E-Mobilität –, bekannt sind, dann entstehen allein schon dadurch Beanspruchungen oder Belastungen. Das sind Faktoren, die für die sichere Verkehrsteilnahme entscheidend sein können.

GUROM zielt also darauf ab, was das Unternehmen oder die Einrichtung individuell braucht, abhängig von den Bedingungen vor Ort?

Definitiv. Es gibt nicht die pauschalen Maßnahmen, die zum Erfolg führen. So haben manche Unternehmen eine Häufung bei Fahrrad- und Fußgängerunfällen und bieten möglicherweise entsprechende Fahrradtrainings an. Es gibt sogar Berufsgenossenschaften, die aufgrund dieser Erfahrungen sogenannte „Fahrradmobile“ angeschafft haben. Fahrzeuge, in denen das gesamte Equipment für die Fahrradmobilität vorhanden ist, um in Unternehmen Beratungen durchführen zu können: Was ist das beste Fahrrad für mich und meine täglichen Wege? Wie sieht Schutzausrüstung aus, wie kann ich mich sichtbar machen? Welcher Helm, worauf muss ich da achten?
In anderen Unternehmen – etwa in der Pharmaindustrie – gibt es viel „fahrendes Personal“, das permanent dienstlich unterwegs ist. In diesem Bereich haben sich „Eco Safety Trainings“ im realen Straßenverkehr als Maßnahme etabliert, ein individuelles Training mit jeweils einer Trainerin oder einem Trainer und einer oder einem Beschäftigten. Anschließend setzen sie sich zusammen, analysieren die Fahrt und treffen eine Zielvereinbarung und versuchen in einer zweiten Fahrt durch aktives coachen die Ziele zu erreichen Dadurch findet eine positive Verhaltensänderung statt.

„2019 zählten die gesetzlichen Unfallversicherungsträger 395 Getötete auf Wegen, die in Zusammenhang mit der beruflichen Tätigkeit standen – ein Anteil von knapp 13 Prozent an allen im Straßenverkehr Getöteten.“

Aus Ihrer Sicht: Spielen Stress oder Zeitdruck eine Rolle beim Unfallrisiko? Denken Sie etwa an Berufspendler, Außendienstler … Oder sind es andere Faktoren?

Wir kennen die allgemeinen Unfallursachen, von der Polizei erfasst, ablesbar an der Unfallstatistik. Sachlich begründete Ursachen wie Wenden, Rückwärtsfahren, Einfahren oder Überholen. Die drücken aber nicht die wirklichen Hintergründe aus. Die liegen woanders. Zunächst könnte man annehmen, Zeitdruck und Stress sind Faktoren. Das geben auch Teilnehmende bei GUROM an. Aber wie entstehen Zeitdruck und gefühlter Stress? Zeitdruck kann dann schon darin begründet liegen, dass Beschäftigte noch vor Arbeitsbeginn Kinder zur Schule oder in den Kindergarten bringen müssen. Also Umwege in Kauf nehmen müssen, die Kinder absetzen und danach direkt zu ihrem Arbeitsplatz fahren. Da reicht es ja aus, dass im Kindergarten oder in der Schule ein kurzes Gespräch stattfindet. Und dann entsteht so etwas wie Zeitdruck. Besser ist die Verwendung der Begriffe psychische Beanspruchungen und Belastungen. Kommt es zu Belastungen wirkt sich dies natürlich negativ im Verkehr aus. Dann kommen Gedanken auf wie „Ich stehe unter Zeitdruck,“ oder „Was passiert, wenn ich zu spät komme?“ Der Begriff Zeitdruck beschreibt es zwar, aber eigentlich geht es viel tiefer. Und GUROM geht in diese Tiefe. Über die Fragenkataloge versuchen wir herauszufinden: Was sind die eigentlichen Unfallursachen?

Wie fallen Rückmeldungen aus, die Sie im Nachhinein von Teilnehmenden erhalten?

Wir erhalten sehr positive Rückmeldungen, etwa: „Es war ein interessanter Ausblick, was ich über meine täglichen Wege gelernt habe.“ Ein persönliches Beispiel von meiner Teilnahme bei GUROM. Ich war selbst dienstlich mit vielen verschiedenen Verkehrsmitteln unterwegs, also mit dem Fahrrad, dem ÖPNV, dem Auto, auch Zug und Flugzeug. Ich dachte zunächst, da müssten eigentlich Fahrrad und Auto kritisch sein. Aber es war etwas ganz anderes – mein größtes Risiko betraf das Fahren mit der U-Bahn, da hier besondere Gefährdungen (rutschen, stolpern, stürzen) beim Treppensteigen in den U-Bahnhöfen vorhanden sind. Über die hatte ich bis dato nie nachgedacht. Das war eine sehr interessante Erfahrung, ein Aha-Erlebnis. Heute gehe ich immer dicht am Handlauf entlang.

Wie hoch ist insgesamt der Anteil an Verkehrsunfällen, die auf oder in Zusammenhang mit dem Arbeitsweg passieren?

Es ist nicht einfach, das herauszufiltern. Im Bereich der gesetzlichen Unfallversicherungsträger werden Unfälle nur registriert, wenn daraus eine Abwesenheit vom Arbeitsplatz resultiert. Wenn es auf dem Arbeitsweg „nur“ zu einem leichten Unfall mit Sachschaden kommt, dann wird dieser vom gesetzlichen Unfallversicherer nicht registriert. Eine Zahl, die man jedoch in Relation setzen kann, ist die der Getöteten. Im Jahr 2019 waren es insgesamt 3.059. Im selben Zeitraum zählten die gesetzlichen Unfallversicherungsträger 395 Getötete im Straßenverkehr – ein Anteil von knapp 13 Prozent.

Wie oft sollte die Ermittlung und Auswertung des eigenen Unfallrisikos wiederholt werden?

Ich empfehle, dies mindestens einmal im Jahr zu tun. Oder zumindest dann, wenn sich die eigene Mobilität verändert. So wie derzeit, wenn durch die Pandemie eine Verlagerung des Verkehrs stattfindet. Zum Beispiel weg vom ÖPNV, hin zum Fahrrad oder dem Auto. Oder wenn sich Verkehrswege aufgrund eines Umzugs verändern. Dann bietet sich die erneute Teilnahme an GUROM an.

Bilder: Shutterstock, DVR

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