02. Dezember 2021

Mit Tablet und Fahraufgabenkatalog: Welche Verbesserungen die neue Praktische Fahrerlaubnisprüfung mit sich bringt

Die Praktische Fahrerlaubnisprüfung: Seit Januar 2021 transparenter und vereinheitlicht. Wie fällt das erste Fazit aus?

5 Minuten

Fahranfängerinnen und Fahranfänger legen seit Anfang dieses Jahres die sogenannte optimierte Praktische Fahrerlaubnisprüfung (OPFEP) ab. Beispielsweise dokumentieren die Prüfenden mittels Tablet nun alle Prüfungsleistungen in einem elektronischen Prüfprotokoll. Durch die Optimierung der jährlich 1,4 Millionen durchgeführten Fahrerlaubnisprüfungen sollen die Prüflinge noch besser auf den Straßenverkehr vorbereitet werden. Im Gespräch erklärt Mitinitiator Mathias Rüdel, was die Neuregelungen und die ersten Erfahrungen im Prüfungsalltag zeigen. Der Dresdner ist Geschäftsführer der 1999 gegründeten Arbeitsgemeinschaft für den Kraftfahrzeugverkehr, der TÜV | DEKRA arge tp 21. Sie hat im Auftrag des BMVI und der Technischen Prüfstellen der TÜVs und des DEKRA einheitliche Maßnahmen zur Optimierung der Prüfung erarbeitet.

Herr Rüdel, seit Anfang dieses Jahres legen Prüflinge die optimierte Praktische Fahrerlaubnisprüfung – kurz OPFEP – ab. Wie kam es zu dieser Entwicklung? 

Von 2008 bis 2010 haben wir bereits die Umstellung der Theoretischen Fahrerlaubnisprüfung von Papierbögen auf Computer vorgenommen.. Diese bietet den Vorteil, dass ein bundesweit einheitliches Prüfsystem zum Einsatz kommt, das deutlich dynamischer als die alten Papierbogen auf die verkehrssicherheitsrelevanten Anforderungen reagieren kann, die Fahrerlaubnisbewerber bewältigen müssen. In diesem Zusammenhang haben wir beispielsweise auch neue Aufgabenformate – wie Aufgaben mit dynamischen Situationsdarstellungen – eingeführt. Darüber hinaus wurde auch die Einführung einer kontinuierlichen Evaluation ermöglicht, da nunmehr alle Prüfungsergebnisse nach wissenschaftlichen Standards ausgewertet werden können.

Als Folge war es dann logisch, dass auch die Praktische Fahrerlaubnisprüfung entsprechend weiterentwickelt werden muss. Mit diesem neuen Fahrerlaubnisprüfungssystem werden die Möglichkeiten der Fahrerlaubnisprüfer deutlich verbessert, die Prüfungsleistungen bundesweit einheitlich, transparent und digital zu dokumentieren. Dies ist beispielsweise wiederum eine Voraussetzung für die Bereitstellung einer lernfördernden Leistungsrückmeldung an den Bewerber oder die Bewerberin.

Mathias Rüdel ist Mitinitiator der in 2021 eingeführten optimierten Praktischen Fahrerlaubnisprüfung.

Zu den Neuerungen gehören ausführliche Fahraufgabenkataloge, die Einführung eines elektronischen Prüfungsprotokolls inklusive schriftlicher Leistungsrückmeldung sowie ein Feedbackgespräch zum Abschluss der Prüfung. Welchen Effekt erhoffen Sie sich durch die Änderungen? 

Insgesamt ist die Prüfungsdurchführung für alle Beteiligten – Fahrerlaubnisbewerber, Fahrlehrer und Fahrerlaubnisprüfer oder auch im Nachgang für die Begleitpersonen im Rahmen des Begleitenden Fahrens mit 17 Jahren durch das elektronische Prüfprotokoll – transparenter und objektiver. Ziel war die Schaffung bundesweit einheitlicher Standards für die Durchführung der Fahrerlaubnisprüfung – inhaltlich und methodisch. Mit der Digitalisierung der Prüfung kann auch in diesem Bereich eine Weiterentwicklung und kontinuierliche Evaluation auf der Grundlage gesicherter Informationen gewährleistet werden. Für jede Fahrerlaubnisklasse gibt es einen spezifischen Fahraufgabenkatalog. Dadurch haben wir jetzt bessere Möglichkeiten, noch detaillierter die Fahrkompetenz für jeden Bewerber sehr individuell zu erfassen, zu dokumentieren und vor allem zurückzumelden. Das ist ein großer Mehrwert! 

Lenkt es die Prüfenden nicht ab, während der Prüfungsfahrt auf dem Tablet zu tippen? 

Wir sind dieser sehr wichtigen Frage mit einer Voruntersuchung nachgegangen. Es hat sich deutlich gezeigt, dass der Fahrerlaubnisprüfer keine Ablenkung erfährt und er somit seiner Beobachtungsaufgabe vollumfänglich nachkommen kann; zum einen, weil das elektronische Prüfprotokoll ergonomisch gestaltet ist, und zum anderen, weil in diesem System während der Fahrt auch nur Ereignisse dokumentiert werden, die von der zu erwartenden Bewerberleistung abweichen. Damit ist keine dauerhafte Bedienung des Tablets notwendig. Außerdem kann der Prüfer seinen Prüfungsablauf auch selbst gestalten. Ein Ereignis kann beispielsweise auch beim Stehen an einer roten Ampel erfolgen. Der Fahrerlaubnisprüfer dokumentiert somit während der Prüfungsfahrt nur die Fehler eines Bewerbers; aber auch wenn eine Aufgabe überdurchschnittlich gut gelöst wird. 

Wie standen denn die Prüfenden den ganzen Neuerungen gegenüber? Gab es da anfängliche Skepsis oder haben sie sich schon lange eine Vereinfachung gewünscht?

Das ist ein langer Entwicklungsprozess über mindestens zehn Jahre gewesen. Wir haben die Fahrerlaubnisprüfer in dieser Zeit aktiv in die Umstellung eingebunden. Dennoch ist eine solche Anpassung natürlich auch ein Wandel von langjährig gewohnten Abläufen. Und so ist es auch ganz natürlich, dass es bei einer solch großen Verfahrensumstellung die eine oder andere vielleicht auch kritische Fragestellung gibt. Im Übrigen wurden die Fahrerlaubnisprüfer mit diesem neuen System auch nicht allein gelassen. Im Rahmen der Aus- und Fortbildung wurden die Prüferinnen und Prüfer sehr intensiv zum Einsatz des neuen Fahrerlaubnisprüfungssystems geschult. Nach der Einführung bekamen wir ganz viele Rückmeldungen von Prüfern, die uns mitteilten, dass sie sich ein solches Werkzeug schon lange gewünscht hätten und es nun nicht mehr aus der Hand geben möchten. Nach über einem halben Jahr liegt ein klares Fazit vor: Die optimierte Praktische Fahrerlaubnisprüfung ist gut gestartet.

Inwiefern trägt die optimierte Praktische Fahrerlaubnisprüfung zu mehr Verkehrssicherheit bei?

Mit der optimierten Praktischen Fahrerlaubnisprüfung wird ein Maßnahmenbündel zur Erhöhung der Verkehrssicherheit umgesetzt. Einige davon haben wir gerade schon behandelt: 

  • Wir haben einheitliche und transparente Anforderungsstandards für Ausbildung und Prüfung geschaffen, die sich auch an den fahranfängerspezifischen Unfallursachen orientieren.
  • Es gibt eine bundesweit einheitliche und nachvollziehbare Dokumentation mit dem elektronischen Prüfprotokoll. 
  • Wir schaffen eine verbesserte und objektive Rückmeldung an die Bewerber 
  • Wir führen eine wissenschaftsbasierte Evaluation und Weiterentwicklung der Praktischen Fahrerlaubnisprüfung ein. 

Dies sind alles Maßnahmen, die in Gänze mehr Verkehrssicherheit für junge Fahranfänger leisten.

„Das Fazit nach einem halben Jahr: Die Optimierte Praktische Fahrerlaubnisprüfung ist gut gestartet.“

Hat das Fazit der ersten Monate auch Punkte aufgezeigt, an denen noch nachgebessert werden muss?  

Nach den ersten Monaten ist festzuhalten, dass Begleituntersuchungen keine Hinweise darauf ergeben haben, dass substanzielle systembedingte Schwachstellen bei der Durchführung der optimierten Praktischen Fahrerlaubnisprüfung oder beim elektronischen Prüfprotokoll vorliegen. Nur in wenigen Fällen zeigten sich Auffälligkeiten, die jedoch als geringfügige und auch zu erwartende Anfangsschwierigkeiten anzusehen sind. Aus diesen Auffälligkeiten resultiert allerdings weder eine Notwendigkeit zur Veränderung der vorgegebenen Prüfungsdurchführung noch ein aktueller Nachsteuerungsbedarf; sie sind vielmehr im Zuge der kontinuierlichen Weiterentwicklung der optimierten Praktischen Fahrerlaubnisprüfung ohne besonderen Aufwand zu bewältigen.

Von 89,44 Euro auf 116,93 Euro: Die Anhebung der Prüfungsgebühren ist nicht unerheblich. Liegt das an der technischen Nachrüstung oder warum müssen Prüflinge nun tiefer in die Tasche greifen?

Der geringste Anteil dieser Anhebung resultiert aus den Aufwänden für die Digitalisierung. Insbesondere die Prüfungszeit verlängert sich um 10 Minuten, wovon ca. 5 Minuten auf die Verlängerung der Fahrzeit und ca. 5 Minuten auf die abschließende Rückmeldung der Prüfungsleistungen und der Fahrkompetenzeinschätzung durch den Fahrerlaubnisprüfer an den Bewerber entfallen. Bisher lag die reine Fahrzeit für die Fahrerlaubnisklasse B bei mindestens 25 Minuten. Da aber auch die Anforderungen an ein verkehrssicheres Verhalten im Straßenverkehr immer weiter gewachsen sind, wurde auch eine Anpassung der Fahrzeit für eine gesamtheitliche Fahrkompetenzeinschätzung der Bewerber notwendig. 

Um einen Ausblick zu geben – wie werden sich die Prüfungen in Zukunft weiterentwickeln? 

Fahranfängerinnen und Fahranfänger neigen oft dazu, kritische Verkehrssituationen zu spät zu erkennen und bei Gefahren nicht vorausschauend zu handeln. Solche Defizite in der Verkehrsbeobachtung und Gefahrenvermeidung zählen zu den Hauptunfallursachen in dieser Gruppe. Daher muss die Förderung dieser Kompetenzen in den Mittelpunkt der Fahranfängervorbereitung rücken. Davon ausgehend werden derzeit innovative Aufgabenformate für einen Verkehrswahrnehmungstest entwickelt und erprobt. Diese Aufgaben sollen am Computer durchgeführt werden und künftig ein Bindeglied zwischen der Theoretischen Fahrerlaubnisprüfung und der Praktischen Fahrerlaubnisprüfung darstellen.

Darüber hinaus müssen die Schwerpunkte für die Weiterentwicklung des Prüfungssystems immer auch darin liegen, die stetigen und dynamischen Veränderungen im Straßenverkehr adäquat aufzugreifen und in Prüfungsinhalte und -methoden umzusetzen. Dazu gehören beispielsweise auch die neuen Anforderungen, die sich durch die verstärkte Einführung und Nutzung automatisierter Fahrzeugsysteme ergeben, die ein weiteres Plus an Verkehrssicherheit versprechen.

RvG LogoBMVI LogoDVR Logo