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Sicher durch Schülerlotsen

In Deutschland sorgen rund 50.000 Schülerlotsen für mehr Sicherheit vor der Schule. Doch rücksichtslose Autofahrer gefährden die kleinen Helfer.

 

16.08.2017

Kleiner Held, große Verantwortung: Montags steht der Schülerlotse Ilyas El-Rhaiyel mit gelber Kappe, Weste und Winkerkelle an der Straßenkreuzung vor seiner Schule und sichert den Schulweg für seine Mitschüler. Doch mitunter ist auch seine eigene Sicherheit gefährdet – durch Eltern und andere Verkehrsteilnehmer, die zu schnell mit dem Auto am Schulgelände vorbei fahren.

Ilyas zieht aus einem Baumwollbeutel die neongelbe Warnweste, die er sich routiniert über seinen blauen Pulli streift. Danach kommt die gelbe Kappe auf den Kopf und als Letztes greift er zur großen Winkerkelle mit dem roten Kreis. Er ist einer von mehr als 1.000 Schülern in Berlin, die täglich als Lotsen im Einsatz sind und damit für mehr Sicherheit auf dem Schulweg sorgen. Ilyas und sein Partner Lionel Güthlein sind bereit für den halbstündigen Dienst: 7.15 Uhr am Montagmorgen an der Kreuzung Bouchéstraße/Kiefholzstraße in Berlin-Treptow.

Teamarbeit und Verantwortungsgefühl

„Die Schülerlotsen arbeiten immer im Team, auch um sich gegenseitig abzusichern“, erklärt Polizeioberkommissarin Dagmar Degenhardt. Zusammen mit ihrem Kollegen Jan Nickel hat sie Ilyas, Lionel und sieben andere Schüler der Bouché-Grundschule eine Woche lang nachmittags in Theorie und Praxis ausgebildet. Wer Schülerlotse werden will, muss wissen, wie man Verkehrssituationen richtig einschätzt – etwa die Geschwindigkeit von Fahrzeugen und deren Anhalteweg. 

„Sie vermeiden nicht nur Unfälle, sondern erfüllen gleichzeitig auch eine wichtige gesellschaftliche und soziale Aufgabe“, sagt Stefanie Spaniol, Verantwortliche der Berliner Verkehrssicherheitsberatenden im Polizeipräsidium. Die Lotsentätigkeit weckt frühzeitig das Interesse an Verkehrssicherheit und das eigene Verantwortungsgefühl.Während die Polizei vor Ort die Schüler ausbildet, ist die Deutsche Verkehrswacht verantwortlich für die Entwicklung des Ausbildungskonzepts und die Ausstattung der Verkehrshelfer. Bundesweit gilt, dass Schüler die Kelle ab der 7. Klasse hochhalten dürfen. Berlin ist eine Ausnahme, hier ist es schon Fünftklässlern erlaubt. Auch die beiden Zehnjährigen Ilyas und Lionel aus der 5a und 5b schieben seit dem zweiten Schulhalbjahr gemeinsam Dienst.

Sicher auf dem Weg zur Schule

„Mir gefällt, dass ich vor allem kleinen Kindern helfen kann“, sagt Lionel, der in der gleichen Straße wohnt und die Kreuzung mit der Rechts-vor-Links-Straßenführung besonders gut kennt. Als Schülerlotse positioniert er sich auf einer der beiden Straßenseiten, Ilyas auf der anderen. Sie stehen so, dass ihre Schuhspitzen knapp vor der Bürgersteigkante enden. So sind die beiden sicher vor vorbeifahrenden Autos und gleichzeitig nah genug an der Straße, um bis zu den vereinbarten Markierungspunkten links und rechts von der Kreuzung blicken zu können – so wie sie es mit Dagmar Degenhardt geübt haben.

Erst wenn kein Wagen mehr in diesem Abschnitt ist, rufen sie laut „Frei!“. Dann schreiten sie in die Mitte der Straße, stellen sich im Abstand von einigen Metern mit dem Rücken zueinander und halten die Kelle hoch. Sofort strömen wartende Schulkinder, Eltern und andere Passanten auf die andere Straßenseite. Nach wenigen Sekunden steht das erste Auto wartend an der Kreuzung. Als alle Kinder auf der anderen Seite sind, blicken Ilyas und Lionel nochmal über die linke Schulter und rufen laut „Zurück!“. Dann geht jeder auf seine Bürgersteigseite und der Autofahrer fährt langsam an.

Derweil verabschiedet sich ein Vater von seinen beiden Söhnen an der Kreuzung mit den beiden Schülerlotsen. Den Rest des Weges dürfen sie alleine gehen. „Dieser Abschnitt ist ja sicher, im Gegensatz zum Weg bis hierher“, erklärt der Berliner eilig. Er muss zur Arbeit, es ist kurz vor halb acht.

Pünktlich zum Dienst erscheinen

„Heute ist echt viel los“, findet Ilyas. Wenn er Dienst hat, muss er 15 Minuten früher aufstehen. „Das mache ich gerne, weil ich gerne Schülerlotse bin“, sagt er. Heute sei das frühe Aufstehen auch in Ordnung gewesen. Im Winter ist das härter. Aber gerade dann ist die Sicht besonders schlecht und die Arbeit der gelben Schülerlotsen besonders wichtig. Jetzt, Mitte August, sind die letzten Pfützen vom nächtlichen Regen fast verdunstet und die beiden Jungs stehen in der Morgensonne am Straßenrand.

Ilyas mit Polizeioberkommissarin Dagmar Degenhardt.

Ilyas ist unter Berlins Schülerlotsen ein kleiner Star, denn er hat im vergangenen Mai den Schülerlotsenwettbewerb der Landesverkehrswacht Berlin gewonnen. Er konnte alle 25 Wissensfragen beantworten. „Ich bin so stolz auf ihn“, sagt seine Mutter Jessica El-Rhaiyel. Morgens begleitet sie ihren Sohn zu Fuß zur Schule, er schiebt sein Rad. Zurück fährt er alleine. Das ist jedoch nicht die Regel. Viele andere Eltern wollen ihre Kinder möglichst nah mit dem Auto vor den Eingang fahren. „Dieser Hol- und Bringdienst schafft nicht nur Chaos, sondern lässt die Kinder auch nicht selbstständig werden“, sagt Dagmar Degenhardt.

Der Hol- und Bringdienst der Eltern ist ein Problem.

Gestresste Eltern als Sicherheitsrisiko

Je weniger Eltern den täglichen Schulverkehr strapazieren und je „mobiler Kinder sind und sich fortbewegen, desto höher ist das Sicherheitsgefühl der Schülerlotsen bei ihrer Arbeit“, fasst Polizistin Spaniol zusammen. Ihre Kollegin Dagmar Degenhardt ergänzt, dass gerade kurz vor Schulbeginn Eltern die Schüler möglichst schnell abliefern wollen und dabei leider nicht immer umsichtig genug fahren.

Durch das hohe Verkehrsaufkommen, wird es manchmal gefährlich für die kleinen Lotsen. Vor der Werbellinsee-Grundschule in Berlin-Schöneberg etwa ist im Dezember 2016 ein Autofahrer ohne Rücksicht mitten durch eine von Schülerlotsen gesicherte Kreuzung gefahren. Dass Schüler von der Straße gedrängt oder gar angepöbelt werden, kommt häufiger vor. Allein an der Werbellinsee-Schule gab es bereits mehrere Anzeigen gegen ignorante Autofahrer.

An dem Morgen kurz vor Weihnachten ist nur durch einen glücklichen Zufall – keines der Kinder überquerte gerade die Straße – niemand verletzt worden. Trotzdem beschloss die Schuldirektion, den Lotsendienst einzustellen. Die Polizei sprang ein, kann aber auch nicht jeden Tag vor Ort sein. Dafür gebe es zu viele Grundschulen, die sie im Turnus abdecken muss – rund 400 allein in Berlin. Die Konsequenz aus dem gefährlichen Verhalten des Autofahrers: Die Kinder müssen seitdem ungesichert über die Straße gehen

Auch an der Bouché-Schule gab es bereits brenzlige Situationen. „Wir hatten einen wirklich heißen Fall und mehrmals Eltern, die Schülerlotsen einfach nicht beachtet haben“, sagt Stephan Burwieck, Beauftragter für Verkehrssicherheit an der Grundschule von Ilyas. Deswegen begleite er die Lotsen regelmäßig.

„Gerade in stressigen Situationen sind Schülerlotsen wichtig“, sagt Viola Seiberl, die Schuldirektorin der Bouché-Schule. „Einerseits machen die Lotsen den Schulweg für andere Kinder sicherer, andererseits lernen die Schüler selber auch etwas.“ Für das kommende Schuljahr plant sie zusätzliche Schülerlotsen ein, da mehr Kinder ihre Schule besuchen werden. Nach dem Umbau der Schule werde man über weitere Sicherheitsmaßnahmen nachdenken. 

Schulwege sind Erfahrungs- und Lernwege, aber Kinder werden immer weniger mobil und selbstständig.

Schulwege sind mehr als das Zurücklegen einer bestimmten Strecke. Kinder sind dort den Anforderungen des modernen Stadtverkehrs und -lebens ausgesetzt – mit allen Risiken und Erfahrungsmöglichkeiten.

„Heute lief alles gut“, finden Ilyas und Lionel und ziehen sich nach dem Dienst die Warnweste wieder aus. In einer Viertelstunde beginnt die erste Schulstunde. Weste, Kappe und Kelle kommen in die blaue Baumwolltasche, die Schulranzen auf die Rücken. Aus den Schülerlotsen werden zwei ganz normale Schüler, die nicht zu spät kommen wollen.

Schülerlotsendienst

Der „Schülerlotsendienst“ wurde am 14. Januar 1953 durch den damaligen Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm (CDU) und die Initiative mehrerer Partner, darunter die Deutsche Verkehrswacht, eingeführt. Heute liegt die Weiterentwicklung des Ausbildungskonzepts und die Ausstattung der Verkehrshelfer allein bei der Deutschen Verkehrswacht. Unterstützt wird sie durch die Polizei, die sich in der Lotsenausbildung stark engagiert, und den Schulen. Der Verband der Automobilindustrie (VDA) sponsert das Projekt seit 20 Jahren. Der Einsatz der Schüler ist freiwillig, erfolgt ehrenamtlich und unentgeltlich. In Berlin gibt es seit rund 60 Jahren Schülerlotsen. In Zweier- oder Dreiteams sichern sie meistens eine halbe Stunde vor Unterrichtsbeginn Straßen und Kreuzungen. Obwohl es immer wieder gefährliche Situationen gibt, ist bislang in Deutschland noch kein Schülerlotse schwer verletzt worden.

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