Runter vom Gas
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Es bleibt immer etwas haften

Erlebnisbericht eines Unfallchirurgen.

 

19.09.2016

Florian Kunz ist Chirurg in der Notaufnahme. Er selbst ist Pendler. Für ihn gilt: Hauptsache sicher ans Ziel.

„Können Sie das spüren?“, fragt Florian Kunz. Seine Stimme ist bestimmt, aber respektvoll. Er tastet mit beiden Händen das Bein der Patientin ab und untersucht es auf äußere Verletzungen. Immer wieder schaut er zu der älteren Dame, kommentiert seine Schritte und versucht ihr so die Angst zu nehmen. Die Patientin wurde nach einem Autounfall mit einem offenen Schien- und Wadenbeinbruch in die Notaufnahme eingeliefert. Im Schockraum bereitet Kunz sie mit seinen Kollegen für die OP vor. Er schaut kurz auf den Bildschirm des Computers in der Ecke des Raumes, dreht sich zur Patientin und sagt aufmunternd: „Sie machen das ganz toll.“ Dann greift er mit seiner rechten Hand nach dem Diensttelefon, das er immer an seiner Hose trägt. „Wir sind so weit. Es kann losgehen“, sagt er leise.

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Der Eingang zur Notaufnahme

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Der Blick geht zum Patienten.

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Vorsichtig das Bein abtasten.

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Alles ist vorbereitet.

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Es wird ein Verband angelegt.

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Alles geht gut.

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Ein Blick in die digitale Akte.

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Florian Kunz im Gespräch mit der Patientin.

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Hände waschen und desinfizieren.

Zwei Pfleger kommen wenige Sekunden später, schieben das Krankenbett zu einem der Aufzüge und bringen die Frau in den Operationssaal im ersten Stock. Kunz nimmt die Treppe. In der Umkleide legt er seine weiße Arztkleidung ab, schlüpft in das grüne OP-Outfit und desinfiziert das erste Mal seine Hände. Nach einem kurzen Gespräch beraten sich der diensthabende Oberarzt und Kunz vor den Röntgenbildern. Sie wägen den optimalen OP-Verlauf ab. Kunz nickt. Wie einem Ritual folgend bereiten sich die beiden dann vor. Fast meditativ ist die Ruhe in diesem Moment. Erst wäscht Kunz einmal Arme und Hände, anschließend desinfiziert er sie dreimal. Mit sicherem Gang betritt er danach den Operationssaal. Die Tür wird geschlossen. Dann geht der chirurgische Eingriff los.

Bei der Operation

Dreieinhalb Stunden später. Seine Augen sind gerötet. Es ist Mittwoch früh, zwei Uhr morgens. Florian Kunz nimmt einen großen Schluck aus seiner Kaffeetasse, atmet tief aus und fährt sich mit der linken Hand durch die Haare. Die letzten Stunden stand er im OP. So ein Eingriff ist während eines Nachtdienstes Routine. Anstrengend ist es trotzdem, man muss jede Sekunde voll konzentriert sein. 

Pause, Kraft tanken

Dieses Mal hat es aufgrund der Komplexität des Bruches etwas länger gedauert. Das weiß man vor einer Operation nie so ganz genau. Jetzt kann der 32-Jährige das erste Mal in dieser Nacht für einen kurzen Moment durchschnaufen. Seit 19 Uhr ist er in der Klinik. Zeit zum Ankommen hatte er nicht. Noch bevor er von seinen Kollegen eine offizielle Übergabe für die Nachtschicht bekam, wusste er schon, dass eine Hirnblutung und dieser Bruch auf ihn und das Team für die Nacht warten. Erst fünf Stunden später gibt es eine Pause. So ist der Job. Als Arzt geben einem die Patienten den Rhythmus vor.

Florian Kunz ist Unfallchirurg in Ausbildung, er wohnt in Berlin-Friedenau und pendelt für seine Arbeit nach Neuruppin. Über die Berliner Stadtautobahn nach Norden raus. Auf den Berliner Ring und weiter auf die Autobahn Richtung Hamburg. „Natürlich ist es weit, aber irgendwie gewöhnt man sich auch dran”, sagt Kunz und zuckt dabei leicht mit den Schultern. Die Strecke von seinem Zuhause, seiner Familie, bis in die Oberprignitz, im Nordwesten von Brandenburg, beträgt rund 80 Kilometer. Das ist etwa eine Stunde Autofahrt pro Weg. Zwei Stunden am Tag, vorausgesetzt, dass alles glatt läuft. Das hängt vor allem davon ab, ob die Berliner Stadtautobahn ihn ungehindert nach Norden lässt oder der Berufsverkehr zu Stop and Go zwingt. Einmal um den Äquator – 40.000 Kilometer. Diese Strecke pendelt Florian Kunz jedes Jahr mit seinem Auto.

Einmal um den Äquator – 40.000 Kilometer. Diese Strecke pendelt Florian Kunz jedes Jahr mit seinem Auto.

Die Konsequenzen kennen

Wenn man eine Strecke so oft fährt und gut kennt, dann weiß man, wo welche Kurve ist und wo welche Geschwindigkeitsbegrenzung gilt. Diese Routine kann zu Unaufmerksamkeit führen. Im schlimmsten Fall fährt man zu schnell, weil man sich einbildet die Gefahren abschätzen zu können. Durch seine Arbeit als Unfallchirurg in der Klinik hat der zweifache Familienvater schon viel zu oft sehen müssen, was passieren kann.

Chancenlos

Welche Verletzungen verursacht werden können, wenn man unvorsichtig oder gar zu schnell auf der Straße unterwegs ist. „Gerade erst vor kurzem wurde nachts ein 20-jähriger Mann, der ohne Alkoholeinfluss frontal gegen einen Baum gefahren ist, eingeliefert. Es wurde versucht ihn zu reanimieren“, erzählt Kunz und schweigt für einen kurzen Moment. Erfahrungen wie diese schrecken auf die grausamste Art ab. 

Fast täglich wird er mit Opfern und den Folgen von Verkehrsunfällen konfrontiert. Neuruppin hat zwar nur 30.000 Einwohner, aber die Ruppiner Kliniken sind nicht nur für die Fontanestadt zuständig. Durch die geographische Lage ist das Einzugsgebiet des Klinikums sehr groß. Die Oberprignitz gehört mit nur 39 Einwohnern pro Quadratkilometer zu den am dünnsten besiedelten Landkreisen der Republik. Gleichzeitig ist Brandenburg das Bundesland mit der in Relation höchsten Anzahl von Verkehrstoten. Im Jahr 2015 starben laut Statistischem Bundesamt pro eine Million Einwohner 73 Personen an den Folgen eines Unfalls. Das ebenfalls dünn besiedelte Sachsen-Anhalt liegt mit 65 Getöteten auf Rang zwei der Statistik. In den Stadtstaaten Berlin (14) und Hamburg (11) hingegen ist das Risiko bei einem Verkehrsunfall zu sterben am geringsten.

Verkehrstote pro eine Million Einwohner nach Bundesländern.

Brandenburg 73

Sachsen-Anhalt 65

Mecklenburg-Vorpommern 58

Niedersachsen 58

Thüringen 53

Bayern 48

Rheinland-Pfalz 48

Sachsen 47

Baden-Württemberg 45

Hessen 40

Schleswig-Holstein 38

Saarland 31

Nordrhein-Westfalen 30

Bremen 26

Berlin 14

Hamburg 11

Die A10, die A24, die vielen Landstraßen und das vergleichsweise geringe Verkehrsaufkommen verleiten in der Region (meist junge) Menschen zum Rasen. „Leider werden immer wieder Verletzte von Verkehrsunfällen eingeliefert“, so Kunz. Der Umgang der Notaufnahme ist routiniert. Die Ärzte der Klinik bekommen noch bevor das Unfallopfer eingeliefert wird ein Foto von der Unfallstelle. Wie sieht das Fahrzeug aus, wie groß ist der Schaden? So können sie sich ein plastisches Bild machen, und entsprechend reagieren. „Das sind unschöne Bilder, aber es kann dem behandelnden Arzt helfen die Situation und die Art der Verletzungen besser einzuschätzen.“ 

Als Arzt darf man solche Dinge nicht zu sehr an sich ranlassen. Die Versorgung von Menschen, die sich in einem Verkehrsunfall verletzt haben, gehört zur täglichen Routine.

Nicht das Schicksal sehen

Als Unfallchirurg hat Florian Kunz die Fähigkeit entwickelt zu abstrahieren. Sobald ein Patient im OP liegt sieht er nicht mehr den Menschen oder das Schicksal dahinter, sondern nur noch seine Arbeit. Dann funktioniert er. Auch seine ruhige Stimme wirkt wie ein Schutzschild. Als Arzt darf man solche Dinge nicht zu sehr an sich ranlassen.

Gefühle stören nur

Die Versorgung von Menschen, die sich in einem Verkehrsunfall verletzt haben, gehört zur täglichen Routine. Gefühle stören da nur. Aber es gibt Fälle, die schocken. „Kinder sind was ganz anderes“, sagt Kunz. Sein Blick wird fest. Wenn Babys oder Kinder nicht gerettet werden können, bleibt immer etwas haften. Diese furchtbaren Erfahrungen kann Kunz nicht abstreifen. Seine Familie fängt ihn dann auf.

Der Alltag in der Notaufnahme kann sehr hektisch sein, manchmal grausam. Kunz hat sich dennoch seine innere Ruhe bewahrt. Er selbst hat im Hinblick auf die Verkehrsunfälle eine positive Entwicklung ausgemacht „Die Autos werden immer sicherer“, sagt Kunz und fügt an: „Deswegen darf man aber nicht übermütig hinter dem Steuer werden.“ Eine Kollegin pflichtet ihm bei und fügt an: „Seit auf der A24 eine Höchstgeschwindigkeit von 120 km/h eingeführt wurde, haben die Unfälle dort abgenommen.” Kunz nickt. Dann muss er weiter. Die nächsten Patienten warten.

Natürlich will ich schnell nach Hause, zu meiner Familie. Aber von zehn oder 15 Minuten hängt es dabei nicht ab. Wichtig ist nur, dass man sicher ans Ziel kommt.

Um 8.20 Uhr morgens wirft er seinen Kittel in den Wäschesack und zieht seine Alltagskleidung an. Der Unfallchirurg gönnt sich eine kurze Verschnaufpause im Ruheraum und  lässt die Nacht Revue passieren. Er trinkt noch eine letzte Tasse Kaffee und macht sich im Anschluss auf den Heimweg. „Natürlich will ich schnell nach Hause, zu meiner Familie. Aber von zehn oder 15 Minuten hängt es dabei nicht ab. Wichtig ist nur, dass man sicher ans Ziel kommt.“ Um 8.40 Uhr verlässt Kunz die Notaufnahme der Ruppiner Kliniken und läuft über das große Areal auf den Parkplatz zu seinem Auto. Wieder liegen 80 Kilometer Fahrt vor ihm. Eine Stunde trennt ihn von seinen beiden Kindern, von seiner Freundin. Florian Kunz weiß, dass die Autobahn jetzt fast leer ist, er weiß, hinter welchem Brückenpfeiler Blitzer stehen, wann welche Kurve kommt. Aber vor allem weiß er, dass fünf Minuten früher oder später völlig egal sind. Er hat viel zu viele Unfallopfer gesehen. Tote, Verletzte – es kann so schnell gehen. Deswegen „Runter vom Gas.“

 

Fotos: Lucas Wahl

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