Runter vom Gas
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„Der Fahrende hat immer die volle Verantwortung.“

Tempomat an und zurücklehnen – wer mit Geschwindigkeitsreglern fährt, gibt Kontrolle ab. Doch wie sicher sind Tempomaten eigentlich? DVR-Experte Welf Stankowitz gibt im Interview Einblick.

 

29.03.2021

Statistiken zeigen: Auf deutschen Straßen sind immer mehr Fahrzeuge mit eingebautem Tempomaten unterwegs. Laut dem DAT-Report von 2018, durchgeführt vom Marktforschungsinstitut GfK, waren bereits 71 Prozent der im Jahr 2017 erworbenen Neuwagen in Deutschland mit einem Tempomaten ausgestattet. Die Entwicklung der Assistenzsysteme schreitet weiter voran. Doch wie verlässlich sind die Geschwindigkeits- und Abstandsregler eigentlich? Welf Stankowitz, Leiter des Referats Fahrzeugtechnik beim Deutschen Verkehrssicherheitsrat (DVR), im Gespräch mit „Runter vom Gas“.

Herr Stankowitz, wer den Tempomaten einschaltet, muss nicht mehr selbst Gas geben und gibt Kontrolle ab. Ist das eigentlich gefährlich?

 

Nein, es ist dann nicht gefährlich,wenn man immer aufmerksam ist. Dies ist auch Bei den alten Tempomaten, die lediglich die Geschwindigkeit regeln wichtig. Bei diesen stellt man das Tempo auf einen bestimmten Wert ein, und dann fährt das Auto konstant mit dieser Geschwindigkeit. Taucht plötzlich ein Hindernis auf und der Autofahrende ist unaufmerksam, fährt er genau mit dieser Geschwindigkeit auf. Das sind die „alten“ beziehungsweise bekannten Tempomaten, die heute noch in vielen Autos zu finden sind.

Und wie haben sich die Fahrassistenzsysteme weiterentwickelt?

 

Um solche Auffahrunfälle zu verhindern, hat man sich etwas Neues ausgedacht: den Abstandsregeltempomaten. Dieser misst den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug und passt die Geschwindigkeit des eigenen Fahrzeugs an. Fährt vor einem ein langsameres Fahrzeug, wird das eigene Tempo reduziert. Das ist ein wichtiges Sicherheitsfeature. Dafür scannt der Abstandsregeltempomat die Umgebung per Kamera und Sensoren. Das Auto fährt also nicht mehr auf, sondern hält einen Abstand ein. Das ist natürlich wesentlich sicherer, weil der Abstand automatisch geregelt wird.

Hat das Fahren mit Tempomat Auswirkungen auf den Kraftstoffverbrauch?

 

Der Tempomat ist vergleichsweise spritsparend, da er sehr moderat bremst und beschleunigt. Im Vergleich zu sportlichen Fahrstilen kann das schon eine relevante Einsparung bedeuten. Auch der Verschleiß am Wagen wird weniger. Das Fahren mit konstanter Geschwindigkeit ist besser, als ständig zwischen Gas geben und Bremsen zu wechseln. Aber signifikante Effekte zeigen sich eher auf lange Sicht.

 

Sind Autofahrende, die mit eingeschaltetem Tempomaten unterwegs sind, entspannter am Steuer?

 

Sie fahren gemütlicher und sind weniger hitzköpfig. Permanente Geschwindigkeitswechsel kosten Sprit – aber eben auch Nerven. Der Abstandsregeltempomat beruhigt den Fahrenden etwas und reduziert temperamentvolles Fahrverhalten.

„Mit aktiviertem Tempomaten fahren Autofahrende gemütlicher und weniger hitzköpfig.“

Es braucht auch viel Vertrauen in die Technologie, um die Kontrolle über den Wagen abzugeben. Wie verlässlich ist der Abstandsregeltempomat?

 

Der Abstandsregeltempomat funktioniert in den meisten Fällen. Wenn Sie aber mal nicht auf die Fahrbahn achten, weil zum Beispiel Ihr Kind hinten schreit, und vorne bremst jemand oder schert ein, greift der Abstandsregeltempomat ein. Auch der Notfallbremsassistent des Systems wird aktiviert, falls Sie erst zu spät bremsen können. Es bringt sehr viel Zugewinn für die Sicherheit. Wir können es daher nur empfehlen.

 

Das klingt sehr positiv. Aber birgt die Nutzung von Abstandsregeltempomaten auf Nachteile?

 

Die Systeme sind Assistenten. Sie unterstützen den Fahrenden, sind aber nie verantwortlich. Das ist nur der Fahrende selbst. Fällt das System mal aus, weil zum Beispiel etwas Dreck auf der Kamera ist, muss der Fahrende immer bereit sein, selber die Kontrolle zu übernehmen. Man darf sich nicht blind auf die Technik verlassen. Der Fahrende muss aufmerksam und konzentriert bleiben. Müde werden ist gefährlich.

„Diese Systeme haben nichts mit autonomem Fahren zu tun. Der Fahrende hat immer die volle Verantwortung.“

Sie haben es eben angesprochen: Müdigkeit. Studien sind sich nicht so ganz einig darüber, ob das Fahren mit Tempomaten die Aufmerksamkeit der Fahrenden beeinträchtigt.

 

Es gibt Hinweise darauf, dass sie weniger wachsam sind. Das ist natürlich schlecht. Wer abgelenkt ist, baut eher Unfälle. Es ist aber auch wichtig zu betonen, dass andere Faktoren wie Multimediasysteme im Auto den Fahrenden genauso ablenken können.

 

Das heißt, Autofahrende dürfen sich geistig nicht aus dem Verkehr nehmen.

 

Ja, wach bleiben ist essenziell. Sie müssen weiter aufpassen. Es ist wichtig, darauf zu achten, was macht mein Auto und was machen die anderen? So können Sie in möglichen Gefahrensituationen eingreifen. Diese Systeme haben nichts mit autonomem Fahren zu tun. Der Fahrende hat immer die volle Verantwortung.

Bilder: shutterstock

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