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Ich bin derjenige, der anderen Menschen die Todesnachricht überbringen muss.

Andreas M. | Notfallseelsorger

 

Neun Menschen sterben im Durchschnitt jeden Tag im Straßenverkehr. Der Notfallseelsorger Andreas M. ist einer der Menschen, die zu den Hinterbliebenen fahren und ihnen die Nachricht überbringen müssen, dass der Verstorbene nie mehr nach Hause kommen wird.


Im Jahr 2016 starben in Deutschland 3.214 Personen bei Verkehrsunfällen. Bei jedem Todesfall zerbricht mehr als ein Leben. 113 Menschen sind im Durchschnitt betroffen, wenn ein Mensch bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt: elf Familienangehörige, vier enge Freunde, 56 Freunde und Bekannte sowie 42 Einsatzkräfte wie Rettungssanitäter oder Polizisten. 

„Ich habe schon über 100 Todesnachrichten überbringen müssen. Aber Gewöhnung stellt sich da überhaupt nicht ein. Es ist jedes Mal eine Herausforderung“, sagt Andreas M. Der 54-jährige Münchener ist Psychologe und Notfallseelsorger. Regelmäßig ist er von den Folgen tödlicher Verkehrsunfälle betroffen. Eine seiner Aufgaben besteht darin, den Angehörigen die traurige Nachricht vom Verlust eines Menschen zu überbringen.

„Viele Menschen sind sich sicher, dass solche schlimmen Unfälle nur anderen passieren können“, erzählt der Seelsorger. Nach dem ersten Schock wird er immer wieder gefragt, ob es wahr sei. Er müsse sich doch irren. Andreas M. muss dann empathisch, aber mit klaren und sachlichen Worten deutlich machen, dass eine Verwechslung leider ausgeschlossen ist. So hilft er dazu beizutragen, dass das Unfassbare verstanden wird.

Der Notfallseelsorger hält für einen Moment inne, schaut kurz zu Boden, dann hebt er den Kopf, als er mit präzisen Worten erklärt, wie seine Aufgabe bei einem Notfall abläuft. Zuerst ist die Polizei an der Unfallstelle. Die Beamten identifizieren die Person und informieren die Rettungsleitstelle. Anschließend werden die Angehörigen ermittelt. Schließlich bekommt er dann einen Anruf. Die Polizei gibt ihm alle verfügbaren Informationen über den Verstorbenen. „Die meisten Hinterbliebenen haben natürlich ganz viele Fragen“, sagt Andreas M. „Ich versuche, alle zu beantworten.“

„Mir ist eine Situation besonders in Erinnerung“, sagt er mit ruhiger Stimme. Andreas M. schluckt kurz, dann fängt er an, von einem Einsatz zu erzählen, den er nicht vergessen kann. Eine junge Frau öffnete die Tür. Die beiden kleinen Kinder spielten im Hintergrund. Eines der Kinder rief fragend nach Papa. Der Tisch war gedeckt. Die Familie hatte gerade ihr Abendessen gekocht und eigentlich sollte der Vater jetzt kommen. „Aber stattdessen stand ich da und musste die Nachricht überbringen, dass er nie mehr nach Hause kommt.“

Solche Einsatzsituationen brennen sich ein. „Die meisten Verkehrsunfälle sind vermeidbar“, erklärt Andreas M. Bevor er weiterspricht, nimmt er für einen Moment die Brille ab und massiert mit Daumen und Zeigefinger den Nasenrücken. „Sie geschehen, weil jemand das Auto missbraucht, um seine Persönlichkeit darzustellen. Um zu zeigen, dass er stark ist. Wenn dadurch andere Menschen zu Tode kommen, dann finde ich das ganz schwer erträglich.“ Die Teilnahme am Straßenverkehr ist für Andreas M. vor allem eines: soziales Verhalten. Nur miteinander funktioniert es.

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Im Jahr 2016 wurden 3.214 Menschen bei einem Straßenverkehrsunfall in Deutschland getötet. Seit 2011 ist die Zahl der Todesopfer um 20 Prozent zurückgegangen. Dennoch verunglücken jeden Tag im Durchschnitt neun Menschen bei einem Verkehrsunfall.

Quelle: Destatis 2017

https://www.runtervomgas.de/perspektiven-der-betroffenheit/andreas-m.html