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Runter vom Gas
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Gaffen statt helfen

Schaulustige filmen Unfallopfer und behindern Rettungskräfte.

 

Es geht um Leben und Tod, doch sie haben nur eines im Sinn: spektakuläre Fotos. Gaffer nehmen keine Rücksicht auf die Opfer und behindern Rettungskräfte bei der Versorgung der Verletzten. Schon jetzt drohen ihnen Bußgelder und Haftstrafen. Ein Gesetzesentwurf fordert nun, noch entschiedener gegen die Schaulustigen vorzugehen.

Ein Radfahrer bricht auf einer Tour in Hilgenroth in Rheinland-Pfalz zusammen und stürzt in eine Böschung. Neugierige Passanten lassen sich daneben mit ihren Kindern nieder und stören die Rettungskräfte bei der Reanimation. Anwohner gehen so weit, Sanitäter zu beleidigen, weil diese ihnen nicht den Namen des Verunglückten nennen. Ein ähnliches Szenario in Hagen: Hier wird ein Mädchen von einem Auto angefahren und schwer verletzt. Hunderte Schaulustige fotografieren das Kind auf der Fahrbahn. Einige fordern die Rettungskräfte auf, zur Seite zu gehen, um besser filmen zu können.

Diese Beispiele aus den vergangenen Monaten sind nur zwei von deutschlandweit vielen ähnlichen Fällen. Sie alle zeigen: Gaffer sind ein zunehmendes Ärgernis für Polizei, Sanitäter und Feuerwehrleute. „Das Problem wird größer“, bestätigt Oliver Malchow, Bundesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei. „Es gibt ein neues Denken. Die Menschen schauen nicht nur aus eigener Neugier, sondern sie nehmen Fotos und Videos auf, um zum Geschichtenerzähler zu werden – auf Kosten der Opfer.“

Gaffen ist menschenverachtend. Schluss mit der Schaulust!

Hartmut Ziebs, Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, schreibt auf seiner Facebook-Seite: „Wer Feuerwehreinsätze behindert, ist an Dummheit nicht mehr zu übertreffen.“ Richtig wütend machen ihn Vorfälle wie in Bautzen, als eine grölende Menge einen Feuerwehreinsatz an einem Flüchtlingsheim behinderte. „Es muss allen Menschen klar sein: Gaffen ist menschenverachtend. Schluss mit der Schaulust!“

Gipfel der Skrupellosigkeit

Einige Polizisten üben öffentlich Kritik: „Schämt euch, ihr Gaffer“, schreibt etwa die Polizei Hagen auf Facebook nach dem Autounfall, bei dem das schwerletzte Mädchen von Schaulustigen bedrängt wurde. „Um das Mädchen in Ruhe behandeln zu können, hat es die Feuerwehr mit weißen Tüchern verdeckt. Aber selbst das hat euch nicht daran gehindert, mit euren Smartphones in der Hand angelaufen zu kommen und über die Tücher zu gaffen. Das ist wirklich der Gipfel der Skrupellosigkeit.“ Und: „Wir haben im Einsatz echt was Besseres zu tun, als uns auch noch um euch zu kümmern. Lasst zukünftig die Smartphones in der Tasche und geht einfach weiter.“

Gaffer am Unfallort sollen künftig härter bestraft werden.

Meist bleibt es bei einem Platzverweis

„Bisher können Gaffer wegen Ordnungswidrigkeiten und in Ausnahmefällen auch wegen Straftaten geahndet werden“, sagt Frank Häcker, Fachanwalt für Verkehrsrecht. Das passiert auch schon: Wer etwa auf dem Standstreifen anhält und den Rettungsweg blockiert, muss mit 30 Euro Geldbuße rechnen. Wegen Straftaten könnten Gaffer bei unterlassener Hilfeleistung oder Persönlichkeitsrechtsverletzungen zu einer Geld- oder Haftstrafe verurteilt werden. „In der Praxis hat die Polizei vor Ort aber häufig wichtigere Aufgaben zu erledigen, als die Personalien der Schaulustigen festzustellen“, so Häcker.

Wer allerdings durch Gewalt oder angedrohte Gewalt die eigentlichen Rettungsarbeiten stört, kann mit bis zu 5.000 Euro Bußgeld bestraft werden. Wer im Vorbeifahren Aufnahmen mit seinem Smartphone macht, der muss wegen des Verstoßes gegen ein Handyverbot am Steuer mit einer Geldstrafe von 60 Euro und einem Punkt in Flensburg rechnen. Strafbar ist bislang das Verbreiten von Fotos verletzter, nicht aber verstorbener Personen.

Härtere Strafen für Gaffer

Doch die Strafen für Gaffer sollen weiter verschärft werden: Auf Initiative des Landes Niedersachsen hat der Bundesrat einen entsprechenden Gesetzentwurf verabschiedet. Der Bundestag muss noch darüber entscheiden.

Schaulustigen droht bis zu einem Jahr Gefängnis

Künftig sollen Haftstrafen von bis zu einem Jahr oder Geldstrafen drohen, wenn die Arbeit von Polizei und Rettungskräften behindert wird. Dabei soll „behindern“ alles umfassen, was Einsätze erschwert – also auch ein bloßes Sitzen- oder Stehenbleiben.

Gaffen durch Überzeugungsarbeit und konsequentes Ahnden bekämpfen.

Auch wer von einer toten Person ein Bild macht und verbreitet, soll in Zukunft mit einer Strafe von bis zu zwei Jahren Gefängnis oder Geldstrafe rechnen müssen. „Die Initiative ist ein Schritt in die richtige Richtung, löst aber das Problem nicht“, sagt Hartmut Ziebs. Dazu sei auch eine stärkere Sensibilisierung der Menschen für das Leid von Unfallopfern nötig. Ähnlich sieht das auch der Verkehrsanwalt: „Gaffen lässt sich nicht allein mit Androhung von Strafen, sondern nur durch Überzeugungsarbeit und konsequentes Ahnden bekämpfen“, sagt Frank Häcker.

Keine Rücksicht auf die Opfer

Gaffer, die Fotos und Videos ins Internet stellen, nehmen keine Rücksicht auf die Persönlichkeitsrechte der Opfer – oder das Leid der Angehörigen. Unfallopfer wie das schwerverletzte Mädchen in Hagen sind häufig schneller auf YouTube oder Facebook zu sehen als sie auf dem OP-Tisch behandelt werden können. Die Schaulustigen vergessen offenbar: Sie selbst oder einer ihrer Angehörigen könnten das Opfer am Unfallort sein.


Fotos: dpa

https://www.runtervomgas.de/impulse/artikel/gaffen-statt-helfen.html