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Landshuts weiße Weste

Der Leiter des Straßenverkehrsamts von Landshut über eine statistische Besonderheit in seiner Stadt.

 

09.11.2020

Seit 2017 verloren insgesamt 9.501 Menschen ihr Leben bei Unfällen im Straßenverkehr. Nur in einer Stadt in Deutschland geschah im selben Zeitraum kein einziger tödlicher Unfall: in Landshut. Im Interview spricht Holger Braune, Leiter des örtlichen Straßenverkehrsamts, über diese Auffälligkeit, mögliche Ursachen und erklärt, was er sich grundsätzlich für mehr Sicherheit im Straßenverkehr wünscht.

 

Herr Braune, in den vergangenen drei Jahren hatte die Stadt Landshut keinen einzigen Verkehrstoten zu beklagen – eine statistische Auffälligkeit im gesamtdeutschen Vergleich. Was ist Ihr Erfolgsgeheimnis?

(schmunzelt) Ich glaube, es gibt kein Erfolgsgeheimnis. Es gehört eine gewisse Portion Glück dazu. Denn manchmal nützt die beste Beschilderung nichts, wenn die Leute unaufmerksam sind. Und umgekehrt: Manchmal sind die Beschilderungen schlecht und es passiert trotzdem nichts. Also es ist – denke ich – Schicksal, aber das gehört auch mit dazu. 

Holger Braune, der Leiter des Straßenverkehrsamts von Landshut.

Gab es in der Vergangenheit klassische Gefahrenpunkte oder Ursachen für gefährliche und/oder tödliche Zusammenstöße in Landshut? Und falls ja, wie wurden die behoben?

Das kommt wie in jeder Stadt vor. Wir haben jetzt momentan Glück, dass diesbezüglich seit drei Jahren nichts passiert ist, aber es gab auch hier tödliche Unfälle. Wir sind zwar eine kleinere Mittelstadt mit 72.000 Einwohnern, da ist das, Gott sei Dank, kein Alltagsgeschäft. Es kommt jedoch hin und wieder vor. Der letzte tödliche Unfall, der mir außerhalb dieser drei Jahre bewusst in Erinnerung geblieben ist, ereignete sich etwa 2014. Das war leider ein typisches Szenario: Ein Lkw-Fahrer übersieht beim Rechtsabbiegen einen Radfahrer.

Leider sind Abbiegeunfälle wie diese nach wie vor ein großes Problem.

Ja, das ist leider das Gängigste. In der Stadt haben wir dafür andere Probleme nicht, wie etwa Landstraßenunfälle, Überholen im Gegenverkehr et cetera. Im hiesigen innerstädtischen Verkehr ist die Missachtung der Vorfahrt eine häufige Unfallursache, aber dank der modernen Technik der Fahrzeuge gehen die meist glimpflich aus. Anders als die erwähnten Rechtsabbiegeunfälle.

Welche Strategien verfolgt die Stadt Landshut denn heute in puncto Verkehrssicherheit? Gibt es spezielle Konzepte oder Maßnahmen, die zu „null Verkehrstoten“ beitragen?

Wir haben, auch wenn es salopp klingt, kein besonderes Konzept. Wie andernorts auch trifft sich regelmäßig die Unfallkommission. Daran ist auch die Polizei beteiligt. Die Beamten kommen auf uns zu, wenn sie bestimmte Gefahren- oder Unfallschwerpunkte registrieren. Dann setzen wir uns mit den Kollegen von der Polizei und dem Straßenbaulastträger zusammen und erörtern: Was ist die Ursache? Gibt es Auffälligkeiten? Darauf kann man reagieren, etwa durch bauliche Maßnahmen, durch veränderte Ampelschaltungen, oder erneuerte Markierungen. Wenn aber, etwa bei einer Kreuzung, nicht greifbar ist, was zu einem erhöhten Unfallrisiko führt, dann wird es natürlich schwierig, dort entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. 

Zunächst gilt es also, die Ursachen so gründlich wie möglich zu erforschen und dann entsprechende Maßnahmen vorzunehmen? 

Genau. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, je nach Situation vor Ort. Gegebenenfalls führen wir eine Verkehrsschau durch, um die Ursachen zu erkennen, und versuchen dann, entsprechend entgegenzusteuern. Zum Beispiel, wenn es sich auf eine bestimmte Unfallursache konzentriert wie „Vorfahrt wurde missachtet“. Dann fragen wir uns: Warum wurde die Vorfahrt missachtet? Ist das Verkehrsschild zu klein oder ist es nicht sichtbar? War es eventuell zugewachsen? Dann platzieren wir es anders.

Gibt es Maßnahmen, die besonders erfolgreich sind?

Eine gängige Maßnahme, um Radverkehrsunfällen vorzubeugen, sind Veränderungen der Ampelschaltung. Damit erhalten Radfahrer ein bis zwei Sekunden Vorlauf und räumen die Kreuzung. Oder wir schauen uns die Markierungen genau an und erneuern sie, wenn sie in die Jahre gekommen sind. Dabei sind Rotmarkierungen des Radfahrstreifens mittlerweile gang und gäbe, um die Aufmerksamkeit des Kraftfahrers zu erhöhen.

Wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial? Gibt es weitere Maßnahmen, die Sie sich wünschen würden?

Derzeit sehe ich kein weiteres Verbesserungspotenzial. Wir tauschen uns jedoch regelmäßig mit unseren Kollegen aus und wägen ab. Nach dem erwähnten Abbiegeunfall gab es die Überlegung, an der Kreuzung einen Trixie-Spiegel zu installieren. Das sind zusätzliche Spiegel an Ampeln, die Lkw-Fahrern mehr Übersicht bieten sollen. Nach Beratung mit dem Straßenbaulastträger haben wir uns aber dagegen entschieden. Aus unserer Sicht haben Lkw-Fahrer ohnehin viele Spiegel am Fahrzeug. Dazu der Anstieg bei der Sensortechnik … Wir wollen Lkw-Fahrer nicht mit zu vielen Spiegeln überfordern und riskieren, dass sie die Übersicht verlieren. Zum Beispiel: Schaut er in den rechten Spiegel, sieht er einen Radfahrer womöglich nicht. Stattdessen ist er für einen kurzen Moment im Trixie-Spiegel sichtbar – und umgekehrt. Eine schwierige Thematik.

So weit die administrative Perspektive. Wie erleben Sie es persönlich, sind die Menschen in Landshut vorsichtiger oder rücksichtsvoller als anderswo?

Ich denke, die Menschen hier sind jetzt nicht aggressiver oder rücksichtsvoller als in anderen Städten. Wir haben die gleichen Problematiken wie größere Städte, aber auf kleinerer Ebene. Etwa das Missachten von Verkehrsregeln, Halteverboten, Rettungs- und Feuerwehranfahrtszonen. Oder Radfahrer, die entgegen der Fahrtrichtung auf Gehwegen fahren, rote Ampeln umfahren… Also die ganze Bandbreite ist auch hier im Straßenverkehr festzustellen. Um auf den Anfang zurückzukommen: Manchmal denkt man, wir haben schon Glück.

Gibt es unter den Landshuterinnen und Landshutern ein Bewusstsein für die Erfolgsmeldung „null Verkehrstote in drei Jahren“?

Leider nicht. Zumindest erhalten wir hier wenig Rückmeldungen. Das ist der undankbare Teil des Jobs. Wenn es gut läuft, dann ist es einfach so. Lob bekommt man in den seltensten Fällen. Allerdings, wenn irgendwas nicht funktioniert, das hat man dann wirklich sofort auf dem Schreibtisch. Aber das ist normal.

Was würden Sie Verkehrsteilnehmern in, aber auch außerhalb von Landshut raten, um weiterhin sicher ans Ziel zu kommen?

Ein wichtiger Punkt wäre, sich an die eigene Nase zu fassen und nicht nur über das Fehlverhalten des anderen zu schimpfen – egal ob als Fußgänger, Rad- oder Autofahrer. Besonders wenn man sich selbst fünf Meter weiter auch nicht besser verhält. Ich wünsche mir mehr Gelassenheit aller Verkehrsteilnehmer untereinander. Zum Beispiel: Statt lange in der Innenstadt nach einem der wenigen Parkplätze zu suchen, lieber einen der zentrumsnahen Großparkplätze ansteuern und fünf Minuten zu Fuß gehen. Das ist doch wesentlich entspannter. Mehr Gelassenheit im Miteinander und im Straßenverkehr wäre aus meiner Sicht von Vorteil für alle Beteiligten.

Bilder: shutterstock, privat

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