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Lenken und leiten

Im Straßenverkehr gelten Regeln – aber wer regelt eigentlich den Verkehr? Zu Besuch in der Verkehrsleitzentrale Hamburg.

 

16.08.2018

Wer diesen Raum zum ersten Mal betritt, fühlt sich wie im Film. Überall Monitore und Bildschirme – wie in einem Hauptquartier einer geheimen Behörde. Tatsächlich befindet sich hier die Verkehrsleitzentrale Hamburg. Sie ist eine der modernsten Leitstellen Europas. Das Herzstück ist ein 22 Quadratmeter großer Bildschirm, der auf Einzelbildschirmen 48 Knotenpunkte sowie stark befahrene Straßen der Hansestadt zeigt. Zu sehen sind etwa der Stephansplatz, Theodor-Heuss-Platz oder die Wilhelmsburger Reichsstraße, eine Verbindungsstrecke zwischen dem Hamburger Stadtteil Harburg und der Innenstadt. 

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Eine viel befahrene Straße in Hamburg, auf die Verkehrskameras gerichtet sind.
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Alles im Blick: 85 Verkehrsbeobachtungskameras zeigen Hamburgs Straßen aus vielen Winkeln.

Blick auf das sternenförmige Polizeipräsidium in Hamburg-Alsterdorf.
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Geformt wie ein Stern: das Polizeipräsidium in Hamburg-Alsterdorf.

Ein Raum mit vielen Bildschirmen, die das Verkehrsgeschehen in Hamburg zeigen.
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Alles auf dem Schirm: In der Verkehrsleitzentrale sind Monitore und Bildschirme das Tor zur Verkehrswelt Hamburg.

Ein Raum mit vielen Bildschirmen, die das Verkehrsgeschehen in Hamburg zeigen.
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Durchblick behalten: Die VLZ-Mitarbeiter müssen viele Verkehrssituationen in kurzer Zeit beurteilen.

Im rechten Flügel des Polizeipräsidiums überwachen 21 Beamte das Verkehrsgeschehen – 24 Stunden am Tag in wechselnden Schichten. Zum Team der Verkehrsleitzentrale (VLZ) gehört auch Jörn Clasen. Als stellvertretender Leiter ist er dafür zuständig, dass der Verkehr in der Hansestadt mit etwa 1,2 Millionen Autos und ca. 1,8 Millionen Menschen reibungslos läuft. „Das gelingt nicht immer. Aber wir tun alles, um Verkehrsteilnehmern optimale Bedingungen zu geben.“, sagt der 53-Jährige.

Jörn Clasen hat während seiner beruflichen Laufbahn viel gesehen. Nicht nur Verkehrsunfälle – sondern auch Banküberfälle und Schlägereien.

90.000 Ampelschaltungen pro Jahr

Den Verkehrsfluss gewährleisten und das Unfallrisiko minimieren: Das ist eine wesentliche Aufgabe der VLZ. Dazu gehört unter anderem, die Ampeln in der Stadt zu steuern. Je nach Verkehrsaufkommen bedeutet das: Die Grünphasen verlängern oder verkürzen. Dadurch verringert sich der CO2-Ausstoß, die Wahrscheinlichkeit von Staus sinkt. Teilweise beeinflussen die VLZ-Mitarbeiter die Ampelschaltung manuell per Mausklick. In der Regel arbeiten jedoch drei Standardprogramme im Hintergrund. Jörn Clasen berichtet: „Im vergangenen Jahr hat die Leitstelle rund 90.000 Mal in Ampelschaltungen eingegriffen, um den Verkehr am Laufen zu halten.“ 

Auch auf der Autobahn ist die VLZ aktiv. Zumindest indirekt. Beispielsweise werden manuell Wechselverkehrszeichen gesteuert, um die zulässige Höchstgeschwindigkeit an die äußeren Bedingungen anzupassen. Fällt etwa Starkregen, reduzieren die Beamten das Tempolimit. Denn auf nasser Fahrbahn verlängert sich der Bremsweg. Liegt Schnee, ist der Bremsweg sogar bis zu viermal länger als auf trockener Straße. Dass die VLZ auf der A1 und A7 spontan auf wechselnde Witterungsbedingungen reagiert, erhöht die Sicherheit vieler Pendler. „Wir nutzen selbstverständlich die Wechselverkehrszeichen, aber vor allem für das Warnen vor Gefahrensituationen wie ungesicherten Unfallstellen oder Personen auf der Fahrbahn. Zu den Gefahrensituationen gehört auch die rutschige Fahrbahn, vor allem beim drohenden Aquaplaning würden wir auch tätig werden.“, so Clasen.

„Fast alle Mitarbeiter waren zur Stelle. Trotzdem standen wir vor einer unlösbaren Aufgabe.“

Der Moment der Machtlosigkeit

So viel die VLZ-Mitarbeiter auch beeinflussen – manchmal gibt es Situationen, in denen sie machtlos sind. Jörn Clasen erinnert sich an den 5. Oktober 2017. Der Tag, an dem Sturmtief Xavier über Hamburg hinwegfegte. „So etwas habe ich in meiner bisherige Karriere nicht erlebt. Fast alle Mitarbeiter waren zur Stelle. Trotzdem standen wir vor einer unlösbaren Aufgabe.“ Bäume stürzten auf Gleise und Straßen. Dächer wurden abgedeckt. Gegenstände flogen herum. Eine Pkw-Insassin starb, weil ein Baum auf ihren Wagen krachte. 

„Egal, was du tust: Es wird niemandem helfen.“

Damals forderte die Hamburger Feuerwehr dazu auf, sich nicht im Freien aufzuhalten – eine Warnung, die nach Angaben eines Sprechers zum ersten Mal in der Hansestadt ausgesprochen wurde. „An Tagen wie diesen“, so Clasen, „sitzt du nur vor dem Bildschirm und musst warten. Denn egal, was du tust: Es wird niemandem helfen.“ Das Verkehrsgeschehen können die Beamten zwar beeinflussen. Nicht aber Naturgewalten, die die Stadt in ein Chaos verwandeln. 

Eine Karte zeigt alle Ampeln der Stadt. Rote Punkte markieren Anlagen außer Betrieb, grüne wiederum zeigen funktionierende Ampeln.

Was die VLZ-Mitarbeiter – wie bei jeder Extremwetterlage – bei Sturmtief Xavier jedoch taten: So gut wie möglich über Gefahren und die aktuelle Situation informieren. Auch das ist eine wichtige Aufgabe der Verkehrsleitzentrale. Sie gibt permanent Verkehrsmeldungen heraus: etwa Falschfahrer oder Gegenstände auf der Fahrbahn. Auch über vorhersehbare Verkehrsstörungen wie Baustellen und Großveranstaltungen wird berichtet. Genauso über jahreszeitliche und witterungsbedingte Umstände wie Glätte, Starkregen oder Hochwasser. Informationen wie diese übermitteln die VLZ-Mitarbeiter an die Verkehrsredaktionen der Rundfunkanstalten. 

Anflug auf die Landungsbrücken: Eine Kamera zeigt, was im Stadtteil St. Pauli geschieht.

Die Meldungen erreichen nicht nur Medienhäuser sondern auch Autofahrer – etwa über Navigationsgeräte. 2017 sind in Hamburg etwa 50.000 Verkehrsmeldungen an Autofahrer weitergegeben worden. Woher die VLZ ihre Informationen bezieht? Meist von der Einsatzleitzentrale der Polizei. Aber auch eigens erhobene Daten gibt die VLZ heraus – wenn beispielsweise eine Verkehrsbeobachtungskamera einen Ampelausfall oder Unfall zeigt.

Was passiert mit meinen Daten?

Die Videos werden live in die Zentrale übertragen und geben Einblick in viele Details – von Gesichtern bis Nummernschildern. Trotzdem birgt das keine datenschutzrechtlichen Probleme. Jörn Clasen berichtet: „Die Live-Videos können weder angehalten noch zurückgespult werden. Gespeichert werden die Aufnahmen ebenfalls nicht. Weil es sich deshalb nicht um Aufzeichnungen handelt, sind die Aufnahmen datenschutzrechtlich erlaubt.“ Bei besonders schweren Unfällen dürfen Mitarbeiter lediglich in die Bilder „hineinzoomen“, so der 53-Jährige. 

85 Kameras liefern Live-Bilder vom Hamburger Verkehr.

Modernisiert im Jahr 2013

Mehr Autos, mehr Verkehr: In den vergangenen Jahren hat der Betrieb auf Hamburgs Straßen zugenommen. Um dem hohen Verkehrsaufkommen gerecht zu werden, wurde 2013 die neue Verkehrsleitzentrale Hamburg eröffnet. Die Modernisierung kostete sieben Millionen Euro und neun Monate Bauzeit. Mittlerweile können die Mitarbeiter unter anderem von mehreren Computern ein und denselben Knotenpunkt steuern und gleichzeitig in das Verkehrsgeschehen eingreifen. Die Anzahl der Kameras wurde von 76 auf 85 aufgestockt. Sie liefern Live-Bilder vom Verkehr – rund um die Uhr. 

Systemausfall? Fehlanzeige.

Auf die Verkehrsleitzentrale können sich die Mitarbeiter verlassen. Sie hält praktisch jeder Störung stand. „Unsere Systeme arbeiten unabhängig voneinander“, erklärt Clasen. Die Computer seien nicht Teil eines Netzwerks, sodass individuelle Ausfälle verkraftbar seien, so der Experte. Auch ein Stromausfall sei kein Problem. Dafür würden Notstromaggregate sorgen. Clasen: „In einer Großstadt wie Hamburg, in der mehr als eine Millionen Menschen täglich unterwegs sind, ist eine verlässliche Verkehrsleitzentrale entscheidend.“. Besonders auffällig ist, dass es sehr still in der Verkehrsleitzentrale ist: „Die Wände sind besonders gut gedämmt“, so Clasen. „Dadurch werden wir nicht von Außengeräuschen abgelenkt.“

„Die Fahrer werden rücksichtsloser.“ Ein Fazit, das Jörn Clasen nach vielen Jahren Arbeit in der Verkehrsleitzentrale zieht.

Die Mitarbeiter der VLZ haben einen mittlerweile geschulten Blick auf den Verkehr. Jörn Clasen arbeitet seit etwa zehn Jahren hier. Und sein Empfinden ist: „Die Fahrer werden rücksichtsloser. Viele fahren zu schnell, blockieren Kreuzungen oder missachten rote Ampeln.“ Auch Gaffer seien ein Problem. „Besonders auf Autobahnen versperren sie Rettungskräften den Weg. Manche holen ihr Handy heraus, filmen und machen Fotos“, berichtet er. Angesichts dieser Erfahrungen erinnert der 53-Jährige daran, dass man nicht allein im Straßenverkehr sei. „Wir alle müssen aufeinander achten. Nur dann gelingt, was im Interesse aller Verkehrsteilnehmer liegt: sicher ankommen.“

Bilder: Lucas Wahl

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